Gotteslob und Bürgerstolz. Die Görlitzer Peterskirche
Eine Ausstellung des Kulturhistorischen Museums und der Ev. Innenstadtgemeinde Görlitz 30. April bis 31. Oktober 2006 in der Peterskirche
„Gotteslob und Bürgerstolz – wer das im Hinblick auf unsere Görlitzer Peterskirche sagt, sagt dies zuerst wohl zu diesem einmaligen Bau, sagt dies von dem Raum, der sich hier auftut.“ Mit diesen Worten von Regionalbischof Dr. Hans-Wilhelm Pietz wurde am Sonnabend, den 29. April 2006 die aktuelle Ausstellung in der Görlitzer Peterskirche feierlich eröffnet. Reinhard Seeliger ließ zu diesem Anlass zum ersten Mal seit vielen Jahrzehnten ein Werk an der Sonnenorgel erklingen, das einst für dieses Instrument geschrieben wurde: ebenso zauberhafte wie virtuose Variationen in A-Dur von Johann Schneider. Bleibt auch die Identität des Komponisten noch etwas rätselhaft, da zwei Musiker dieses Namens in Frage kommen, so spricht das Werk selbst für sich und es bleibt zu hoffen, dass es nun zum festen Repertoire der Sonnenorgelspieler zählen wird!
Bot somit schon die Vernissage eine besondere Entdeckung, so setzen sich die Überraschungen beim Rundgang durch die Ausstellung fort: Natürlich wird da auch Bekanntes präsentiert und vorgestellt, doch zahlreiche Exponate und Zusammenhänge waren längst vergessen und rücken nun neu ins Licht der Öffentlichkeit. Die Peterskirche wird dadurch neu erfahrbar als besonderes Gotteshaus, als Brennpunkt der Stadtgeschichte, als eigentliches Schatzhaus im materiellen und im übertragenen Sinne.
Die Görlitzer Stadtkirche St. Peter und Paul – in populärer Form verkürzt die Peterskirche – ist die größte spätgotische Hallenkirche im heutigen Freistaat Sachsen. Sie ist seit Jahrhunderten das Wahrzeichen von Görlitz und bildet die weithin sichtbare Dominante des einzigartigen Görlitzer Stadtbildes. Für Kunst und Geschichte Mitteleuropas hat die Peterskirche eine herausragende Bedeutung: Baumeister, Maler, Bildhauer und Orgelbauer von internationalem Rang haben dazu beigetragen. Ein grandioser Raum und ein kostbarer Schatz an Werken des Mittelalters und der Neuzeit zeugen davon. Dabei wird die wundervolle Einheit von Raum und Inhalt jetzt in dieser Ausstellung zum ersten Mal wieder wirklich deutlich: Im originalen architektonischen Rahmen kann trotz schmerzlicher Kriegsverluste noch heute ein in dieser Fülle einmaliges Ausstattungsensemble aus vor- und nachreformatorischer Zeit präsentiert werden.
1903 übergab die Kirchengemeinde dem damaligen Görlitzer Kaiser-Friedrich-Museum eine große Zahl nicht mehr ständig gebrauchter Gerätschaften und Kunstwerke aus der Peterskirche und anderen Görlitzer Kirchen, damit sie im neuen Museum einem weiten Publikum zugänglich gemacht werden. Glücklicherweise haben etliche dieser Dinge die Kriegswirren überstanden und wurden nach 1945 im Kaisertrutz ausgestellt oder in den Museumsdepots verwahrt. Zu DDR-Zeiten fand eine staatliche verordnete Inventarisierung dieser Objekte statt, womit sie offiziell in Stadteigentum übergingen. Dies wurde in den letzten Jahren wieder rückgängig gemacht und der rechtmäßige Zustand wiederhergestellt. Aus diesem Vorgang erwuchs letztlich die Idee zu einer gemeinsamen Ausstellung. Und so kehren nun gotische Madonnen, Altäre, kostbare Gewänder mit herrlichen Stickereien, aber auch Zinngefässe und das originale Sakristeimobiliar vorübergehend wieder dorthin zurück, wo sie einst ihren Bestimmungsort hatten.
Das Kulturhistorische Museum konzipierte eine Ausstellung, die auf anschauliche und lebendige Art und Weise die Geschichte und Bedeutung der Peterskirche darstellt. Dabei war es stets ein besonderes Anliegen, diese Präsentation so zurückhaltend wie möglich in den Kirchenraum zu integrieren, um die Würde des Gotteshauses unbeschadet zu bewahren. Nur im Falle der Sakristei war eine einschneidende Änderung unumgänglich: Während der Laufzeit der Ausstellung kann dieser Raum nicht wie sonst genutzt werden, denn er wurde in Anlehnung an einstige Bestimmungen als eigentliche Schatzkammer eingerichtet. Im Südschiff werden die Funktionen der Peterskirche erläutert, ihre Verknüpfungen mit der Stadtgeschichte. Unter der Empore kommen Bau- und Orgelgeschichte zur Darstellung, wobei eine originale Sonne von der Orgel, Grabungsfunde und ein einzigartiges, frisch restauriertes Barockmodell der Kirche besondere Aufmerksamkeit verdienen. Die Ausstellung erstreckt sich aber auch über den übrigen weiten Kirchenraum. In Wort und Bild wird an verlorene Ausstattungsstücke erinnert, kurze Biografien berichten über Leben und Werk vieler Pfarrer und Wohltäter. Ein buntes Mosaik und Panorama der Stadt-, Kunst- und Kulturgeschichte fügt sich so im Kirchenraum zu einem Ganzen zusammen.
Zu Recht hob deshalb Regionalbischof Dr. Pietz in seiner Ansprache hervor: „Im Entdecken der Verlässlichkeit und im Wissen um die Vergänglichkeit wird diese Ausstellung zu einer tiefen Dankbarkeit führen. Zu einer Dankbarkeit gegenüber den Menschen und Generationen, die ein so deutliches und schönes Ja zum Leben hier zum Ausdruck gebracht haben – und zu einer tiefen Dankbarkeit gegenüber dem Gott, der Ja zu uns sagt, der Bund und Treue hält ewiglich und nicht preisgibt das Werk seiner Hände.“



