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Fundstück: Niesky

Abschrift: Oberlausitzer Gemeinde-ABC. (Artikelreihe in "Die Kirche", 1950 bis 1952)

Niesky ist ein böhmisches Wort und bedeutet, soviel wie niedrig. Dieser Name wurde von der Gattin des Grafen Zinzendorf bestimmt für die neu zu gründende Kolonie der Brüdergemeinde .

Sie sollte eine Zufluchtsstätte werden für böhmische Emigranten, für solche, die in ihrer Heimat um ihres evangelischen Glaubens willen verfolgt wurden. Zum Leiter dieser neuen Niederlassung  wurde der in Herrnhut wohnende Leineweber Johann Raschke bestimmt. Er war Böhme und hatte das Leid der Glaubensverfolgung selbst tief erfahren Ende Juni 1742 wurde der Bauplatz an der Grenze der Jänkendorfer Flur ausgewählt. Die versammelten Männer knieten unter freiem Himmel nieder und weihten die Stätte für das Werk des Herrn und erbaten für all ihr Beginnen Gottes Segen. Wer in Ehrfurcht steht vor den geheimen Gesetzen geistlichen Lebens, der wird dankbar bekennen, daß etwas von diesem Segen, den die Väter einst erflehten, noch heute auf unserem Ort ruht. Wir können hier nicht im einzelnen die Geschichte der Nieskyer Brüdergemeine weiter verfolgen. Nur an einiges noch sei erinnert: Weit über die Grenzen des deutschen Vaterlandes wurde der Name Niesky bekannt durch die Erziehungsanstalten der Brüdergemeine, das Pädagogium und die Mädchenanstalt. 

Ein Schüler des Pädagogiums war auch der Theologe Schleiermacher. An ihn erinnert noch ein Gedenkstein im Park von Monplaisis auch trägt eine Straße seinen Namen. Leider bestehen diese Erziehungsanstalten heute nicht mehr. Die Gebäude wurden durch den Krieg zu einem beträchtlichen Teil zerstört. An der Ruine des Pädagogiums sind noch zu lesen die Worte, die in goldener Schrift über der Eingangstür stehen, Ego sum via et veritas et vita. – Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben — Wir dürfen dankbar sein, daß die einst aus kleinen Anfängen enstandene Diakonissenanstalt Emmaus von der Zerstörung des Zusammenbruchs gnädig verschont wurde und noch heute ihre gesegnete Wirksamkeit ausgeübt in Niesky, besonders in dem Krankenhaus und 2 Altersheimen, einem Kinderheim und einer Gemeindepflegestation.

Die Anstalt steht unter Leitung der Brüdergemeine, jedoch gehören nicht wenige der Diakonissen unserer Landeskirchen an. Am Zizendorfplatz steht der Betsaal, das einzige herrnhutische Gotteshaus, welches einen Turm hat. Erfreulicherweise blieben die Glocken auch im letzten Kriege erhalten ebenso wie die Glocken unseres landeskirchlichen Gotteshauses, so daß immer wieder- eine Seltenheit in unserer Zeit – über unserer Stadt das volle Glockengeläut erklingt. 

Unweit von der neu gegründeten Kolonie lagen drei Dörfer, Neuhof, Neusärchen und Ödernitz. Zwei von ihnen, Neuhof und Neusärchen, gehörten kirchlich zur Gemeinde Hähnichen, während Ödernitz seltsamerweise nicht in dem näher gelegenen Jänkendorf, sondern in Niederseifersdorf eingepfarrt war. Auch die landeskirchlichen Evangelischen, welche sich in Niesky selbst später niederließen, gehörten kirchlich zu Hähnichen. Noch heute leben wohl noch einige alte Glieder unserer Gemeinde, welche einst zum Konfirmandenunterricht nach Hähnichen oder Niederseifersdorf gewandert sind. Es war aber nicht zu verwundern, daß nicht wenige Gemeideglieder, besonders in Niesky ansässigen, die Gottesdienste in der Brüderkirche besuchten. 

In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts begann nun aber eine stetige und schnell fortschreitende Veränderung dadurch, daß Niesky ein wichtiger Industrieort wurde. Neben anderen einzelnen Unternehmungen entstand das große Werk von Christoph und Unmack (jetzt Lowa) mit seinen drei Abteilungen Waggon = Holz und Stahlbau. Durch dieses Werk drang auch der Ruf von Niesky über die Grenzen Deutschlands hinaus. Führend war das Unternehmen u. a. in dem Bau von Holzhäusern. Heute bestehen in Niesky ganze Straßenviertel aus diesen schmucken und wohnlichen Häusern. Auch das schlichte, aber außen und innen sehr würdige katholische Gotteshaus ist ein Holzbau.

Durch diese industrielle Entwicklung wuchs die Bevölkerung von Niesky und den umliegenden Ortschaften sehr rasch. Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts zeigte sich gebieterisch die Notwendigkeit einer kirchlichen Neuordnung , um die vielen Evangelischen, die neu hinzugezogen waren, kirchlich besser zu versorgen. Schon im Jahre 1886 wurde ein Vikar (Tröger) nach Ödernitz gesetzt, dem bis 1892 verschiedene andere Vikare folgten. Der letzte Vikar wurde am 25.2.1894 zum Pfarrer der formell bereits im Jahre 1892 gegründeten Kirchengemeinde Ödernitz gewählt. Dieser Kirchengemeinde gehörten an die landeskirchlichen Evangelischen von Niesky, Neuhof, Neusärichen und Ödernitz. Die Anfangszeiten waren für die neu gegründete Gemeinde nicht leicht. Es dauerte eine geraume Zeit, bis die Beteiligten sich an die Neuordnung gewöhnten. Erschwert wurde die Lage noch dadurch, daß der Gemeinde kein eigenes Gotteshaus zur Verfügung stand. 

Die Gottesdienste wurden in dem für diesen Zweck viel zu kleinem damaligem Ödernitzer Schulhauses, das als Privathaus, noch heute unweit der Kirche steht, abgehalten. Unter den alten Gemeindegliedern gibt es sicher noch machen, der als Kind während des Gottesdienstes draußen auf den Treppenstufen sitzen musste, weil der Schulraum selbst überfüllt war. Diesem Notstand wurde durch die Erbauung einer eignen Kirche auf Ödernitzer Grund abgeholfen. Am15. Juli 1900 wurde das neue Gotteshaus seiner Bestimmung übergeben. Unser Gotteshaus wurde im letzten Kriege schwer beschädigt, besonders an der Turmspitze und dem Dach. Das Dach wurde notdürftig wieder hergestellt. In diesem Jahr hoffen wir die Turmspitze neu decken zu können. Vor 2 Jahren durfte die Gemeinde Niesky dankbar ihr 50 jähriges Kirchenjubiläum feiern.- Pfarrer Wilczek war bis 1918 in unserer Gemeinde tätig. Sein Nachfolger wurde der damalige 2. Pfarrer von Rothenburg, Richard Lindner, welcher gleichzeitig zum Superintendenten des Kirchenkreises Rothenburg I (jetzt Kirchenkreis Niesky) ernannt wurde. Seitdem ist Niesky zugleich Sitz einer Superintendentur. Zur Unterstützung des Superintendenten in der Verwaltung des Pfarramtes wurde ein Pfarrvikariat eingerichtet, das mit zeitweiligen Unterbrechungen von verschiedenen Vikaren besetzt war. Während des letzten Krieges wirkten vorübergehend in unserer Gemeinde Pastor Radke, Pastor Beckmann und Pastor Grosse. Nach dem im Februar 1944 erfolgten Tode von Superintendent Lindner wurde zum 1. Oktober 1944 der Pfarrer in Thommendorf, Kreis Bunzlau ,Carl Paeschke, zum Pfarrer von Niesky und Superintendent des Kirchenkreises berufen. Er konnte wegen der kriegsbedingten Umzugsschwierigkeiten sein Amt erst am 1. Dezember 1944 antreten. Vom Herbst 1945 wurde er auf etwa 1½ Jahre durch Pfarrvikar Mirle, jetzt in Geierswalde, Kirchenkreis Hoyerswerda, unterstützt. Im Spätsommer 1947 wurde Pfarrer Heinrich Treblin, der nach dem Zusammenbruch noch eine Zeitlang das Pfarramt von St. Bernhardin in Breslau verwaltet und hatte nach Niesky berufen. Er verwaltet praktisch eine zweite Pfarrstelle in Niesky, welche formalrechtlich bisher noch nicht errichtet werden konnte.

Im Jahre 1930 wurden die Ortschaften Ödernitz, Neusärchen und Neuhof nach Niesky eingemeindet. Dementsprechend trägt auch von da an die Kirchengemeinde nicht mehr den Namen Ödernitz, sondern Niesky. Zu unserer Gemeinde gehörten bei ihrer Gründung im Jahre 1892 ungefähr 2400 Glieder .Jetzt ist die Zahl auf ungefähr 6000 gestiegen. Somit gehören rund gerechnet ¾ der reichlich 8000 Menschen umfassenden Einwohnerschaft von Niesky zu unserer Kirchengemeinde. Zur Brüdergemeinde dürften etwa 600 Seelen zu rechnen sein. Durch den Zuzug von Umsiedlern ist die katholische Gemeinde sehr gewachsen. Sie ist schon etwas größer als die Brüdergemeinde. Nicht gering ist auch die Zahl der Angehörigen verschiedener anderer religiöser Gemeinschaften und die Zahl derer, welche überhaupt keiner Kirche angehören. 

(H. Treblin)

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