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Jubiläum: Ludwig Eduard Nollau. "Heimat deutscher Habenichtse"

Vier Tage lang feierte die 2700-Seelen-Gemeinde Reichenbach in der Oberlausitz vom 1. bis zum 4. Juli den 200. Geburtstag von Ludwig Eduard Nollau.

Jubiläum: Ludwig Eduard Nollau. "Heimat deutscher Habenichtse"

Taufbucheintrag Nollau

Von Bettina Ernst-Bertram

Der 1837 eigentlich zur Indianermission in die „Neue Welt“ aufgebrochene Missionar gründete 1840 den Deutschen Evangelischen Kirchenverein des Westens in St. Louis (Missouri/USA), den deutschen Zweig der 1957 entstehenden United Church of Christ (UCC). Deshalb feierte auch Bischof David Moyer, der Conference Minister der Wisconsin Synode der UCC, rund um Johanneskirche und Rathaus in Reichenbach mit. Und mit ihm viele Amerikaner der UCC. Denn in dem kleinen Ort zwischen den Königshainer Bergen und dem Berg Rotstein wurde der Missionar, der in Amerika Geschichte machte, am 1. Juli 1810 geboren. 

Dabei ließ die Kindheit des Knaben Ludwig in Reichenbach auf den ersten Blick nichts Großes erhoffen: Seine Mutter starb, als er gerade drei Jahre alt war, und seine Stiefmutter, die er als „gottesfürchtige Frau“ in Erinnerung behält, wird öfter Kummer mit Ludwig, einem von sieben Kindern, gehabt haben. „Als Kind bin ich eigensinnig und ungezogen gewesen“, schreibt Nollau später in seiner Bewerbung für die Barmer Missionsgesellschaft. Nach dem Besuch der Knabenschule in der Kleinen Kirchgasse 6 in Reichenbach – in der nun am 1. Juli eine Ausstellung über ihn eröffnet wurde – wechselte Ludwig auf das Gymnasium Augustum. 

Bekehrung mit 20 Jahren

Noch bis zu seinem 20. Lebensjahr musste er warten, bis er seine Bekehrung erlebte: „Zwanzig Jahre hatte ich der Welt und der Sünde gedient, zwanzig Jahre ohne Gott gelebt und war ein Sclave des Satans gewesen. Und nun – ein Kind Gottes, ein Erlöster Jesu Christi, ein Erbe der ewigen Seligkeit aus Gnaden!“, schreibt er. Das war im Sommer 1830, während er im Landwehr-Brigade-Büro in Erfurt beim Militär Verwaltung und Korrespondenzen zu erledigen lernte, was ihm später als Sekretär des Kirchenvereins zu Gute kommen sollte. 

Ins Militär, zunächst in das 6. Infanterie-Regiment in Glogau (Schlesien), war Nollau als 16-Jähriger kurz nach dem Tode seines Vaters als Freiwilliger eingetreten. Später, in Erfurt beschloss Nollau fortan „dem rechten Feldherrn“ zu dienen und Missionar zu werden. Nachdem die Berliner Missionsgesellschaft dem glühenden Christen vier Monate lang auf seine Bewerbung gar nicht geantwortet hatte, nahm die Rheinische Missionsgesellschaft ihn dann als Zögling auf. 

In Barmen erhielt er eine fünfjährige Ausbildung, bevor er 1837 zur Missionierung der Indianer in Oregon auserkoren, in Bremerhaven auf das Schiff stieg. Doch in Amerika kam alles anders. Sein Missionarskollege Tilmann Niess, dessen Gesundheit schon vor der Aussendung „halbinvalid“ gewesen sein soll, starb 1838, bevor die gemeinsame Indianermission überhaupt beginnen konnte. 

Gestrandete Deutsche in St. Louis

Nollau fand indessen seine Berufung bei den tausenden deutschen Auswanderern. In St. Louis, dem Tor zum Mittleren Westen, war die Anzahl der Einwanderer Mitte des 19. Jahrhundert innerhalb weniger Jahre in die Höhe geschnellt. 1860 waren von 170000 Einwohnern ein Drittel Deutsche. Neben einigen „vorbildlichen“ Deutschen, die Schulen und Bibliotheken gründeten, gab es viele Gestrandete, „heimatlose deutsche Habenichtse“, die dem Whiskey reichlich zusprachen und das Klima nicht vertrugen. Ihre Armut und geistliche Orientierungslosigkeit schärften bei Nollau das Bewusstsein dafür, dass sie „ohne kirchliche Pflege und Ordnung gänzlich dem Verkommen und Verfall entgegengehen“ würden. Er wandte sich den Landsleuten als Prediger und Seelsorger zu. 

Nollau lud alsbald in sein Pfarrhaus der deutschen Gemeinde Gravois Settlement am Rande von St. Louis deutsche und schweizer Pfarrbrüder der Umgebung ein. Nach einem mehrtägigen Treffen riefen am 15. Oktober 1840 sechs Männer den Deutschen Evangelischen Kirchenverein des Westens ins Leben, der die geistliche Beheimatung und die Organisation gemeindlicher Strukturen unterstützen sollte. 

Der Kirchenverein, dem bis 1845 nur acht ordinierte Pastoren angehörten, hatte auch Gegner: eingewanderte Christen, die sich frei jeglicher kirchlicher und synodaler Anbindung glaubten und sich widersetzten. Ganz besonders war der Kirchenverein auch Angriffen strenger orthodoxer Lutheraner ausgesetzt, die aus Sachsen ausgewandert waren und denen die theologischen Grundlagen des Kirchenvereins zu „wässrig“ erschienen. Doch der deutsche Kirchenverein wuchs in Nordamerika zu einer Kirche heran. Nach Vereinigungen mit der Reformierten Kirche und zuletzt mit der „Congregational Christian Church“ entstand 1957 aus ehemals vier selbständigen Kirchen die United Church of Christ (UCC) in Amerika. 

Das Ehe-Glück währte nur kurz

1841 ging Nollau nach Deutschland, wo bereits Luise Wippermann auf ihn wartete. Die Eheschließung 1842 war von einem Missionskollegen und dessen Frau, die Nollau in den leuchtendsten Farben bei ihrer Freundin angepriesen hatten, vorbereitet worden. Allerdings währte das Glück nur kurz. 1844 starb Luise Nollau in Amerika. 1846 heiratete er in Deutschland erneut. Mit Anna Meta verlebte er 22 glückliche Ehejahre. Vier ihrer Kinder überlebten. 

Barmherziger Samariter und Waisenheimath

Das sozialdiakonische Engagement spielte von Anfang an eine große Rolle bei Nollau und im Kirchenverein. Davon kündet in St. Louis ab 1857 das neu gegründete evangelische Krankenhaus „Barmherziger Samariter“. Als 1858 drei Kinder vor seiner Tür standen, deren Vater gestorben und deren Mutter krank war, öffnete Nollau gegen jeden Rat von Finanzfachleuten eine „Waisenheimath“. Damit „haben wir alles, was wir brauchen, um ein Waisenhaus zu gründen: Waisen!“, so wird Nollau noch heute in St. Louis zitiert. 

Eines Tages auf dem Rückweg vom Waisenhaus scheute das Pferd seines Einspänners. Der schwere Mann wurde auf die steinige Straße geschleudert und verlor die Besinnung. Zwar erholte er sich wieder, aber als nächstes trat sein Krebsleiden zu Tage. Bei wachem Geist hatte er mit den Seinen „gar liebliche und selige Stunden genossen und mitten im Angesicht des immer näher rückenden Todes Freudenthränen geweint über die Güte und Barmherzigkeit seines Gottes und Heilandes“, so sagt es Pastor Baltzer, der ihn 1869 beerdigte. 

Auf Ludwig Nollau war 1994 in St. Louis ein ebenfalls in Reichenbach geborener Theologiestudent gestoßen, der damals die Geschichte deutscher Auswanderer erforschte. Christoph Ernst, der später Pfarrer einer deutschen Auslandsgemeinde in Kanada wurde, beschäftigte sich im Archiv des Theologischen Seminars mit dem deutschen Zweig der UCC. Er staunte nicht schlecht, als die Spuren des Kirchenvereinsgründers in seine Geburtsstadt zurückführten. 

Bis das „Nollau-Fieber“ sich auf Reichenbach übertrug, vergingen noch einige Jahre. Doch heute weiß in Reichenbach jedes Schulkind, dass der zum berühmtesten Sohn der Stadt avancierte Nollau die Kirche mitgegründet hat, zu der auch US-Präsident Barack Obama gehört. Wesentlichen Anteil daran hat Pfarrer Albrecht Naumann, der zusammen mit ökumenisch Interessierten die UCC-Gruppe im Sprengel Görlitz in den vergangenen Jahren zum Blühen brachte. 

Die Görlitzer Kirche pflegte seit Anfang der 80er Jahre eine „Kirchengemeinschaft“ mit einer UCC-Kirche, der Wisconsin Conference. Diese Verbindung, die in den 90er Jahren geschlummert hat, wurde durch die gegenseitigen Besuche von Gemeindegliedern in den vergangenen sieben Jahren von der Basis her neu belebt. In Bischof David Moyer fanden die UCC-begeisterten schlesischen Oberlausitzer einen Unterstützer. 2005 besuchte er die Region. Eine deutsche Gruppe fuhr daraufhin nach Wisconsin, 2008 reiste schließlich ein 47-köpfiger UCC-Chor in die Görlitzer Gegend. Sie beschlossen, den 200. Geburtstag von Ludwig Nollau gemeinsam und groß zu feiern. Und auch die Ur-Ur-Enkelin von ihm, Nancy Nollau Mack aus St. Louis, kam zum Jubiläum in die Geburtsstadt ihres Vorfahren.

Foto: Taufbucheintrag im Reichenbacher Kirchenbuch. (Bettina Ernst-Bertram)

 

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