Fundstück: Kunnersdorf
Abschrift: Oberlausitzer Gemeinde-ABC. (Artikelreihe in "Die Kirche", 1950 bis 1952)
Im lieblichen Tale des Weißen Schöps, einige hundert Meter westlich der Straße Görlitz, Berlin, liegt die Kirchengemeinde Kunnersdorf. Sie gehört seit 1818 zum Kirchenkreise Rothenburg (jetzt Niesky), obwohl sie viel näher an Görlitz gelegen ist und bei der letzten Generalkirchenvisitation 1933 bereits die Zusicherung gegeben war, sie in den Kirchenkreise Görlitz zu übernehmen.
Es gehören zu Kunnersdorf: nach Süden anschließend Siebenhufen; westlich auf der Höhe am Rande der Königshainer Berge Liebstein; nach Nordwesten Torga; nach Osten an der Bahn Görlitz- Berlin Emmrichswalde und Charlottenhof. Torga ist Ortsteil von Kodersdorf, Emmrichswalde von Groß-Krauscha, alle anderen sind Ortsteile von Kunnersdorf. Im ganzen zählt die Gemeinde rund 1400 Seelen.
Sie war anfangs nach Jauernigk dezempflichtig (nicht zu der viel näheren St. Nikolaikirche in Görlitz), woraus man schließen kann, das Kunnersdorf schon um das Jahr 1000 entstanden und die erste dortige Kapelle im 11. Jahrhundert erbaut sein muss. (Denn Jauernigk ist vor 1000 anzusetzen, St. Nikolai dagegen erst um 1100.) In der Kapelle wurde Messe gelesen und gebetet- zu den Sakramenten allerdings mußte die Gemeinde nach Ebersbach, der 3 km südlich gelegen Muttergemeinde. Bis zur Reformation wurde das Pfarramt ausschließlich von Ebersbach aus verwaltet. In der Reformationszeit, 1545, berief der Grundherr in Kunnersdorf, Joachim Frenzel, eigenmächtig einen lutherischen Pfarrer nach Kunnersdorf. Darüber kam es zu Streitigkeiten zwischen den Herrschaften von Kunnersdorf und Ebersbach. Das Ergebnis war: 1550 wurde die Kapelle Filialkirche von Ebersbach, der Pfarrer von Ebersbach zugleich Pfarrer von Kunnersdorf, und er hatte nun in beiden Kirchen abwechselnd Gottesdienst zu halten. So war zugleich mit der Reformation der Anfang zur Selbständigkeit der Gemeinde gemacht. Die Reformation hat hier zur gleichen Zeit wie in Görlitz Eingang gefunden, ja, zeitweise scheinen die Görlitzer als bei ihnen von katholischer Seite Rückschläge kamen, nach Kunnersdorf zum evangelischen Gottesdienst gewandert zu sein.
1603 wurde vom Ebersbacher Patron das Diakonat Ebersbach- Kunnersdorf mit Sitz in Ebersbach gegründet, d. h. der zweite Pfarrer von Ebersbach hatte nun Kunnersdorf mitzuverwalten. Ab 1753 wurde vereinbart, dass der Diakon fortan in Kunnersdorf wohnen sollte. 1759 konnte das Pfarrhaus bezogen werden, nachdem vorübergehend die Schule als Pfarrhaus gedient hatte. Die Diakonatsverpflichtungen in Ebersbach wurden gleichzeitig eingeschränkt, erloschen sind sie erst 1888. Bis heute aber ist das Bewußtsein der besonderen Verbundenheit mit Ebersbach nicht abgerissen.
Die Kirche in ihrer heutigen Gestalt ist 160 Jahre alt. Seit wann an dieser Stelle eine Kirche steht, ist nicht bekannt, auch nicht, ob die erste Kapelle etwa schon da gestanden hat, was ja zu vermuten ist. Wir wissen nur, daß 1788 die Kirche um „9 Ellen gegen Morgen und 13 Ellen gegen Abend verlängert und fast ganz neu bis auf etliche Ellen Seitenmauer, welche von dem alten Gebäude stehen blieben, aufgeführt wurde. „In den darauffolgenden Jahren bis 1791 wurde auch der Turm erneuert und erhöht. Von ihm weiß man, daß er schon 1611 und 1770 durchgreifende Erneuerungen erfahren hatte. Nimmt man nun hinzu, daß die beiden ältesten Glocken, aus den Jahren 1591 und 1681 stammend, im Jahre 1860 erneuert wurde, aber nie von einer Überführung die Rede ist, so darf man annehmen, das schon die Kapelle im 16. Jahrhundert an dieser Stelle gestanden habe. Von den Glocken ist übrigens noch zu sagen, dass sie 1917 abgegeben werden mußten, die dafür 1921 neu beschafften nahm der letzte Krieg wieder weg, aus dem sie leider nicht zurückkehrten. Nun läutet der Gemeinde nur noch die kleinste Glocke von 1860, auf der steht: „ Friede sei stets dein Geläute, ruf die Lobenden zu Gott, sammle betend die Gemeinde, läut uns in der letzten Not“.
Von den 19 Diakonen, d. h. den 2. Pfarrern von Ebersbach, waren fast alle nur wenige Jahre im Amt in Kunnersdorf.
Nur einer blieb nach 11 Jahren als 1. Pfarrer in Ebersbach, und lediglich die beiden letzten hielten rund 30 Jahre aus. Auch von den übrigen 17 Pfarrern sind es nur 6, die über 10 Jahre blieben und ebenso 6, die weniger als 5 Jahre in Kunnersdorf amtierten. Auch die Patronatsherrschaften haben sehr häufig gewechselt.
Das älteste Kirchenbuch, das „Taufbüchlein“, stammt aus dem Jahre 1644. Eine Chronik der Kirchengemeinde gibt es aber erst seit 1914. Daher ist in dem vorliegenden Bilde vielmehr der ständige Wechsel als die stetige Linie in dieser Gemeinde zu beobachten. Wir wissen auch nichts über die Einführung der Union. Kämpfe um das Bekenntnis hat es wohl damals wie auch nach 1933 nicht gegeben.
Das Dorf ist schon seit langem kein reines Bauerndorf. Nicht nur der Wald und die großen Steinbrüche der nahen Königshainer Berge lockten oder nötigten einen Teil der Männer, dort ihren Lebensunterhalt zu suchen, sondern auch ein sogenanntes „Goldloch“ (Toter Stollen) im Ort selbst und ertrunkene oder leere Kalkbruchlöcher in der Nähe zeugen von frühzeitigen industriellen Versuchen. Seit über 100 Jahren mindestens bestimmen die Kalkbrüche der Umgebung bei einem Teil der Bevölkerung Arbeit und Leben, in geringerem Maße die Ziegeleien von Kodersdorf bis Görlitz. Im ersten und zweiten Weltkriege hat die Gemeinde ihren hohen Zoll an Gefallenen und Vermißten gezahlt. Nun steht sie mitten im „Aufbau“ und „keine Zeit haben“. Gebäudeschäden hatten das Dorf und die Außendörfer zwar kaum. Aber bei vielen Einwohnern macht sich eine große Unbeständigkeit bemerkbar: denn nicht nur die Neusiedler, sondern auch viele andere stehen in einem Neuanfang und Übergang ihrer Existenz. Das Patronat ist versunken.
Es war im letzten Jahrhundert kaum ein Segen für die Gemeinde- weniger weil der Patron katholisch, umso mehr weil einer der letzten langjährigen Patrone ein prozeßsüchtiger Herr war, der auch mit seiner Kirchgemeinde jahrzehntelang prozessierte. Aber auch das „Ortsarmenwesen“ und die „Begräbnisfürsorge“, die bis in unser Jahrhundert hineinreichten, von tüchtigen Pfarrern und Kirchvätern begründet und geleitet, sind verschwunden.
In der jetzigen Zeit wird nun in der Jugendarbeit um Stetigkeit gerungen. Männerarbeit gibt es zur Zeit keine. Die Arbeit der Mission, die schon immer besondere Liebe in der Gemeinde gefunden hat, wird auch jetzt wieder gefördert. Die stärkste Tradition hat die Frauenhilfe. Sie findet sich allmonatlich im Gemeindesaal zusammen. Der Frauenhilfe entstammem auch die meisten Glieder des Helferkreises. Sie helfen in großer Treue bei der Versorgung der Gemeinde und dienen so dem, was heute neu werden möchte. Der Gemeindesaal ist übrigens 1941 beim 150 jährigen Jubiläum der Kirche eingeweiht worden.
Er ist gegenüber dem Pfarrhause in der ehemaligen Scheune eingerichtet worden. Er dient auch den Zusammenkünften der Jugend; die Christenlehre, die Bibelstunden, die Bibelwoche usw. finden darin statt. Die Frauenhilfe wie der Gemeindesaal sind Einrichtungen vom Vorgänger des jetzt amtierenden Pfarrers, dessen Arbeit auch die meisten Einzelheiten des vorliegenden Berichtes dieser Gemeinde zu verdanken sind.
Die Kirche ist für eine Dorfkirche ein stattliches Bauwerk. Ihr 42 m hoher Turm ist von vielen Stellen und in großer Ferne sowohl im Tal als auf der Höhe sichtbar. Die Kirche ist aber viel zu groß für die kleine Gemeinde, die sich allsonntäglich versammelt. Selbst an Feiertagen ist sie nicht voll besetzt. Besonders Kirchenschätze sind nicht vorhanden. Auch der Friedhof um die Kirche hat keine Besonderheiten aufzuweisen. Aber die große Kirche ist ein Ruf an die heutige Gemeinde. Wenn man hinzunimmt, daß vor 150 Jahren, ja bis vor etwa 100 Jahren, die Gemeinde einen jährlichen Abendmahlsbesuch von 1800 Kommunikanten aufzuweisen hatte, d.h. daß bei einer Bevölkerungszahl von 1100 damals jedes Glied der Gemeinde mindestens zwei bis dreimal am Heiligen Abendmahl teilnahm, dann wird dieser Ruf noch stärker.
(Gottschlik)
