Fundstück: Hohenbocka
Abschrift: Oberlausitzer Gemeinde-ABC. (Artikelreihe in "Die Kirche", 1950 bis 1952)
Von dem Hohenbockaer Pfarrer Carl Gottlob Traugott Alberti (1826 – 1851), der sich um die Hohenbockaer Kirchenbücher sehr verdient gemacht hat, ist in Anlehnung an eine örtliche Sage der Ortsname aus dem Wendischen abgeleitet worden: How jo bog, d.h. Hier ist Gott. So schön solch eine Bedeutung für eine Kirchengemeinde sein würde, wahrscheinlicher ist doch die andere Erklärung. Danach bedeutet Bocka = Bucka, Bucko, Bucke in alten Urkunden Buchenort, im Unterschied von anderen Orten des gleichen Namens Hohenbocka genannt. Der Radfahrer, der von den Nachbarorten Hosena, Schwarzbach, Guteborn her kommt, bekommt die zu überwindende Steigung deutlich zu spüren. Auch diese zweite wahrscheinlichere Deutung des Ortsnamens hat ihren Sinn für den Ort. Zwar geben nicht mehr die Buchen dem Ortsbild sein besonderes Gepräge, aber eben doch der Waldreichtum. Freilich hat dieser insbesondere durch die Braunkohleindustrie starke Einbusse und durch die ausgedehnten Waldbrände der ersten Nachkriegsjahre schweren Schaden erlitten. Das frühere Rittergut, das fast drei Jahrhunderte mit der Patronatsfamilie von Götz verbunden war, ist ein ausgesprochenes Waldgut gewesen. Nur knapp der 25. Teil des dazugehörigen Grundbesitzes lag unter dem Pflug. Entsprechend klein waren die bäuerlichen Landwirtschaften. Vor dem Kriege gab es in Hohenbocka keinen Landwirt, der nicht zugleich auf Arbeit ging, als Waldarbeiter in den Hohenbockaer Forst oder als Industriearbeiter. Von den teils oder ganz im Gebiet des Kirchenspiels gelegener Industriewerken seien erwähnt die Hohenbockaer Glassandwerke und das Braunkohlenwerk Grube Heye III, jetzt in Grube Heide umbenannt. Der Hohenbockaer Kristall – Quarzsand kommt in besonderer Reinheit vor. Er ist ein begehrter Ausfuhrartikel und hat den Namen Hohenbocka in der ausländischen Glasindustrie bekannt gemacht. Ähnlich wie in Hohenbocka liegen die örtlichen Verhältnisse in beiden zur Kirchengemeinde gehörenden Außendörfern Grünewald und Peickwitz, in landwirtschaftlicher Beziehung in Grünewald günstiger, in Peickwitz wesentlich ungünstiger. Macht sich schon in Hohenbocka der Wasserentzug durch die Grube nachteilig bemerkbar, so ist das erst recht in Peickwitz der Fall. Hier ist der große Niemtscher Braunkohlen – Tagebau fast bis an das Dorf herangerückt. Auch in einem so niederschlagsreichen Jahre wie dem gegenwärtigen müssen die Peickwitzer Bauern ihren Heubedarf großenteils und teilweise auch ihren Strohbedarf mühselig und kostspielig weither von auswärts holen. Außer den Landwirten bestellen in Hohenbocka über 80 Klein- und Kleinstpächter ihre „Bede“, meist auf Pfarr- und Kirchenland.
Ein besonderes Lebensziel ist vielen fleißigen und sparsamen Einwohnern in allen drei Dörfern der Bau eines Eigenheims. Das Aufgehen in unermüdlicher Arbeit und Tätigkeit, wie das karger Boden mit sich bringt, birgt allerdings eine Gefahr in sich: dass der Mensch sich darin verliert und den vergisst, der Kraft und Segen zur Arbeit gibt und selber nicht nur der Umgang, sondern auch das höchste Ziel alles Lebens und Strebens ist, den lebendigen Gott, der sich als der unbedingte Herr und zugleich als der Heiland unseres Lebens kundgibt. Allerdings ist das in besonderem Maße die Not und Krankheit unserer Zeit. Ein Bollwerk dawider soll das Gotteshaus und die in ihm sich unter Gottes Wort sammelnde Gemeinde sein. Das Hohenbockaer Gotteshaus steht als echte Dorfkirche in der Mitte des verzweigten Ortes, freundlich umgeben von dem Grün des Kirchplatzes, an dessen frühere Bestimmung noch die am Eingang liegenden alten Gräber erinnern, unmittelbar vor dem Kircheneingang das des Pastors Alberti. Wie die Kirche auf der Höhe liegt, wird man besonders gewahr, wenn man von dem schön am Waldesrand gelegenen Friedhof zurückkommt. Ob die Kirche auch der lebendige Mittelpunkt des Gemeindelebens ist? Das ist in dem Maße der Fall, wie in ihr von der Gemeinde die Stimme des Herrn gehört wird. Dazu mahnt der Spruch über der schlicht schönen spitzbogigen inneren Eingangstür: „Der Herr ist in seinem heiligen Tempel. Es sei vor ihm stille alle Welt!“ (Habakuk 2, 20). Ebenso die Inschriften der beiden neuen Klangstahlglocken, die 1922 an die Stelle der im 1. Weltkriege abgegebenen traten: „Allein Gott in der Höh sei Ehr“ und „Gott bess´re die Zeit, Gott bess´re die Leut“.
Das Gotteshaus mit seiner schönen, wuchtigen Stirnseite über dem Turmeingang ist wohl 1408 eingeweiht worden. Am schönsten ist in ihm der steinerne Barock – Altar aus dem 17. Jahrhundert, dem im folgenden Jahrhundert die jetzige Kanzel eingebaut wurde. Vor dem Altar liegen über den darunter befindlichen Grüften zwei wertvolle sandsteinerne Grabplatten mit reichen Texten, dem Andenken des 1702 verstorbenen ersten Patrons und seiner 1671 verstorbenen ersten Gemahlin gewidmet. „Hier ruhet und wartet der fröhlichen Auferstehung seines Erlösers Jesu Christi der weiland wohlgeborene Herr Friedrich Albrecht von Götz. Churfürstl. Durchlaucht zu Sachsen Johann Georg des II. Hochseligen Andenkens treugewesener 18 Jahr Oberstallmeister und Kammerher, Erbherr auf Hohenbocka, Litzschen und Lippitzsch, welcher geboren den 13.Febr.1635 zu Weissensee in Thüringen. “Zu dem ehrwürdigen Alter des Altars passen die schönen Abendmahlsgeräte. Das silberne Ciborium (Gefäß für die Hostie, das Abendmahlsbrot) zeigt auf der Bodenfläche eine für die Bestimmung des Alters wichtige Gravierung: “Dieses gehöret auf Hochbocke in die Kirche Anno 1690. „In seine zeitliche Nähe gehört wohl der schöne vergoldete Kelch. Zu ihm stiftete laut lateinischer Widmungsinschrift 1771 Joh. Casper Gulich. 1746 – 1765 Pfarrer in Hohenbocka, danach Archidiaconus in Kamenz, einen schlicht, aber schön geformten silbernen Kelch zum Andenken an seine verewigte Ehefrau Christiane. Auf dem Altar stehen jetzt wieder die beiden alten schönen zinnernen Leuchter, die vor über 60 Jahren offenbar als nicht mehr schön genug befunden wurden. Ein besonderes Wertstück ist der Altar- und Kanzelbehang aus gelben Atlas, der vor ungefähr 200 Jahren von der Ehefrau des derzeitigen Patrons gestickt wurde. Erfreulicherweise ist der alte schöne hölzerne Taufstein noch vorhanden, der 1871 einem von einem Sohn des oben erwähnten Pastors Alberti, seinerzeitigen Direktors des Radeberger Eisenwerkes, gestifteten Platz machte. Der Stifter schrieb damals: „Möge – das ist mein inniges Gebet zu Gott und mein herzlichster Wunsch. - der Herr seinen Segen verleihen allen den lieben Kindlein, die aus diesem Taufstein die Christenweihe empfangen – möchten sie alle echte Jünger Jesu, unseres Heilandes, werden und stets ihrem Christenberufe Ehre machen!“
Die schön klingende Orgel ist 1846 von Orgelbauer Nagel in Großenhain erbaut worden. Sie soll noch in diesem Jahre gegen den Wurmfraß imprägniert und mit einem elektrischen Gebläse versehen werden. 1870/71 wurde die Kirche neu ausgemalt. Dies geschah zwar auch mit Liebe und Sorgfalt, aber leider wurde hierbei nicht die alte Malerei erneuert, sondern Gestühl, Emporenwände, die Orgel und die flache Holzdecke bekamen, dem Geschmack der Zeit entsprechend, den gleichen gelben Anstrich, der dem Gotteshaus ein recht nüchternes Aussehen verlieh. Die drei Figuren auf dem Kanzeldeckel, Christus zwischen Jesajas und Johannes dem Täufer, wurden damals aufgestellt. 1933 wurde der größte Teil des Kirchdaches neu eingedeckt. 1935 wurden die Außenwände neu verputzt; ferner wurde eine umfangreiche Erneuerung im Innern des baufällig gewordenen Turmes vorgenommen. Im Kriege und besonders im Katastrophenjahr 1945 blieb das Gotteshaus gnädig bewahrt. Nur der am Altar befindliche schwarze Behang ging verloren. Das Jahr 1946 brachte eine große Sorge: das Zinkblechdach des Kirchturms musste zum größten Teil erneuert werden. 1949 endlich konnte ein lang gehegter Plan in Angriff genommen werden: die innere Erneuerung des Gotteshauses. Das unbequeme und im Winter sehr kalte Kopfsteinpflaster des Kirchenschiffes wurde durch Dielung ersetzt. Für sie konnte wenigstens ein Teil des 1945 abgebrannten besten Baumbestandes des Pfarrwaldes für die Kirchengemeinde bleibend nutzbar gemacht werden. Anstelle des alten Gestühls des Kirchenschiffes trat ein bequemeres neues. Hierbei wurden allerlei stärkere Baumwurzeln aufgedeckt , die sich erstaunlicherweise durch das dicke Mauerwerk hindurchgearbeitet hatten. Neben dem Altar stießen die Zimmerleute auf eine bisher nicht bekannte Kindergruft, wahrscheinlich zu der Doppelgruft vor dem Altar zugehörig. Es war darin nicht mehr übrig als ein von dem Gebein und die eisernen Beschläge des kleinen Sarges. Der Turmeingangsraum wurde völlig erneuert. In ihm wurde eine würdige, künstlerisch schöne, von den Schriften und Kunstmaler Paul Gaide in Görlitz entworfenen und ausgeführte Gedächtnistafel für die Gefallenen und sonstigen Kriegsopfer der Kirchengemeinde aus dem 2. Weltkrieg angebracht. Auf ihr stehen bisher 145 Namen, darunter 13 Namen von Ehemännern und Söhnen hiesiger Umsiedler. Daß die umfangreichen Erneuerungsarbeiten ohne jede Beihilfe in einer ausgesprochenen Notzeit durchgeführt werden konnten, war nur möglich durch die tätige Liebe, Opfer- und Einsatzbereitschaft der Gemeindemitglieder. Die Anlegung einer Kirchenheizung und die Neuausmalung der Kirche sollen folgen. Für beide Vorhaben liegen im Gotteshause große Schwierigkeiten vor. Bei der Erneuerung des Gotteshauses halfen mit großer Opferbereitschaft die Außenorte Peickwitz und Grünewald mit, die in ihm ihren kirchlichen Mittelpunkt haben.
Im Winterhalbjahr finden in den Außenorten Bibelstunden, im Sommerhalbjahr monatliche Andachten für die alten Gemeindemitglieder statt. Die auf 500 Seelen angewachsene Industriekolonie Grube Heide (Heye) hat ihre örtlichen Gottesdienste. Leider fehlt dort ein eigener kirchlicher Raum. In der Gesamtgemeinde mit ihren 3600 Seelen in 4 Ortschaften ist die kirchliche Unterweisung in Christenlehre und Konfirmandenunterricht eine besonders arbeitsreiche Aufgabe. In Hohenbocka selbst konnte 1946 die Frauenhilfe neu gegründet werden. Sie hat seitdem in treuem Dienst für Kirche, Innere Mission und Hilfswerk gestanden und auch Jugend- und Mütterfreizeiten für den Kirchenkreis in Hohenbocka durchführen helfen. Im gleichen Jahre wurde auch die 1896 gegründete Schwesternstation wieder von der Kirchengemeinde übernommen. Sie muß jetzt von ihr allein unterhalten werden. Dem seit 30 Jahren in freudigem Dienst an der Gemeinde verbundenen Kirchenchor gehört ein Teil der Sänger und Sängerinnen seit seiner Gründung an, unter ihnen 5 Geschwister aus einer Familie. Schlichte kirchenmusikalische Feierstunden, an denen die Gemeinde singend beteiligt ist, veranstaltet der Kirchenchor gern in der Frühjahrs- und Herbstzeit, seit einigen Jahren regelmäßig am Sonntag Kantate. Ferner bestehen Männerwerk, Junge Gemeinde und Großmütterkreise, welch letztere auf ihren monatlichen Nachmittag immer freudig warten und mit besonderer Freude auch einmal im Jahre einen Ausflug unternehmen. Ein Teil der Umsiedler hält sich treu zu Gottesdienst und Gemeinde und hat wertvolle Mitarbeiter gestellt. Ein eindrückliches Erlebnis war es für die Gemeinde, daß von 1946 – 1950 das Kinder- und Altersheim „Bethesda“ des Kirchenkreises im Schloß von Hohenbocka einquartiert war und in der Gemeinde 1948 sein 40jähriges Bestehen feiern konnte. Die Kirchengemeinde hat gern die mancherlei Nöte des in diesen besonderen Notjahren überfüllten Kinderheimes mittragen helfen. Jetzt befindet sich im Schloß das Tbc-Kurheim des Kreises, dessen Patienten auch die teilnehmende Verbundenheit der Kirchengemeinde haben spüren dürfen. Seit einigen Monaten sammelt sich ein kleiner treuer Kreis von Gemeindegliedern im Anschluß an das Morgenläuten zum täglichen Morgengebet, an dem auch Kinder der letzten Schuljahrgänge gern teilnehmen.
Im Mittelpunkt des Gemeindelebens steht außer der Kirche das schöne 1898 erbaute Pfarrhaus mit seinem schönen Gemeinderaum, in dem, besonders während der Unterrichtszeit, ständiges Leben herrscht. Geistlich versorgt wurde Hohenbocka in vorreformatorischer Zeit von Ruhland aus. Von hier aus wurde auch die Reformation in Hohenbocka eingeführt. Erster selbständiger Pfarrer wurde 1540 Martin Koch, ein Bürger aus Ruhland, von Dr. Pomeranus, also Luthers Mitarbeiter Bugenhagen, in Wittenberg ordiniert. Ein kirchlicher Zusammenhang blieb zwischen Hohenbocka und Ruhland in Gestalt Detems, der von Hohenbocka nach Ruhland abgeführt wurde, bis er gegen Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts durch Kapitalabfindung abgelöst wurde. Auf der anderen Seite hatte der Oberpfarrer von Ruhland jährlich 4 Gottesdienste in Hohenbocka abzuhalten, was bis 1913 geschehen ist. Im dreißigjährigen Kriege wurde Pfarrer Paul Michaelis von den Kroaten gemartert und endlich erschossen. 1693 – 1745 hatten die Pfarrstelle nacheinander Vater und Sohn inne: Adam und Gotthelf Krieger. Von 1852 bis 1858 war August Dächsel, der Verfasser des bekannten Dächselschen Bibelwerkes, Pfarrer von Hohenbocka. Von 1825 – 1876 hatten die Pfarrer von Hohenbocka auch die kirchliche Versorgung von Bernsdorf. Bis zur Einweihung der Filialkirche in Bernsdorf 1842 wurden die Amtshandlungen für Bernsdorf in den Hohenbockaer Kirchenbüchern eingetragen. Von diesen sind das Taufregister seit 1667, das Trau- und Sterberegister seit 1694 vorhanden. In lebendiger Erinnerung der Gemeindemitglieder stehen noch Pfarrer Theodor Darge (1892-1911) und Pfarrer Ludwig Bohle (1911-1939). Seit dem 1.12.1939 hat Pfarrer Gotthilf Hahn das Pfarramt inne. Möchte der Wunsch, mit dem der vorletzte Pfarrer von Hohenbocka schied, eine ständige Erfüllung finden: „Gott segne die Kirchefahrt!“. Möchte die Kirchengemeinde ein Segen werden für alle Menschen, die in ihren Ortschaften wohnen, die Einheimischen und die im Laufe der letzten Jahrzehnte Hinzugezogenen, und die alle in rechter Gemeinschaft unter Gottes Wort zusammenschließen.
