Vorstellung: Gehörlosenseelsorge im Sprengel Görlitz
Gehörlose evangelische Christen gibt es nicht viele in der Region. Für einen kleinen Kreis sehr alter Menschen hält Andreas Fünfstück von der Kirchengemeinde Arnsdorf einmal im Monat einen Gottesdienst
„Schön, Euch zu sehen“, flüstert er und gebärdet die Predigt vor den zwölf tauben Leuten, die von überall her nach Görlitz gekommen sind, aus Weißwasser und Boxberg, aus Löbau und Bautzen oder aus Rothenburg. Im Gemeindezentrum auf der Jakobstraße tauschen sie sich über das Neuste aus, einige ganz ohne Worte, mancher mit rauer Stimme oder Lauten, die für Hörende seltsam klingen mögen, alle aber mit bewegten Gesten und aufmerksam von des anderen Lippen lesend.
Ein paar allerdings fehlen in der Runde, machen gerade Urlaub in Norwegen oder besuchen Freunde in Berlin. „Ja, Gehörlose sind sehr mobil, sie reisen weit, um einander zu begegnen“, sagt der Pfarrer. Er selbst ist hörend, doch weil sich während seines Theologiestudiums dafür interessierte und mit Behinderten arbeitete, lernte der die Sprache derer, die auf Schrift und Bilder angewiesener sind als andere. Seit 1996 ist er in Görlitz Gehörlosenseelsorger.
Sein Gottesdienst für Gehörlose dauert nur eine halbe Stunde, „denn die Liturgie ist beschränkt, es gibt nicht so viele Gebärden, wie man reden könnte“, erzählt Fünfstück weiter. Der Altersdurchschnitt dieser „reifen Gemeinde“ liegt bei siebzig Jahren, doch gerade die alten Leute beherrschen die Gebärdensprache nicht so gut wie die jungen. Denn erst seit den 60er Jahren wird diese akzeptiert und gelehrt. Junge gehörlose Menschen jedoch leben hier kaum, sie sind eher da zuhause, wo sie auch in die Schule gehen, in Dresden oder Leipzig.
Einmal im Jahr unternimmt Fünfstück mit seiner Schar eine Ausflugsfahrt, jeweils zu Ostern und am Ewigkeitssonntag findet ein Gottesdienst mit Abendmahl statt, und auch die großen Feste feiern sie gemeinsam. „Leider sind die Beerdigungen bei uns häufiger als die Hochzeiten, nur eine Goldene hatten wir schon.“ Der Pfarrer weist rasch nach gegenüber, wo dieses Ehepaar sitzt. Still und rege unterhalten sich die beiden mit den anderen, trinken gemeinsam Kaffee, essen Kuchen und sind froh, einander zu verstehen.
Ines Eifler
