Kinder: Wie kirchliche Angebote den Nachwuchs erreichen sollen
Die Sozialarbeiterin Anette Fünfstück berät ein Jahr lang die Kirchengemeinden zu neuen Ideen in der Kinder- und Jugendarbeit. Jetzt hat sie ein erstes Fazit gezogen.
Von Gabriel Wandt
43 Kirchengemeinden, 21 christliche Kindereinrichtungen, sieben Gesprächsgruppen: Anette Fünfstück hat ihre Arbeit genau abgesteckt. Auf einer Landkarte, die den Kirchenkreis NOL zeigt, wimmelt es von schwarzen Pfeilen und blauen Linien. Wohnorte sind dort gekennzeichnet, Schulstandorte, Schülerfahrtwege von einem Ort zum anderen und wieder zurück. Es ist noch nicht Halbzeit für Anette Fünfstück in ihrer Projektstelle, und trotzdem hat sie sich in vielen Gesprächen mit Pfarrern, kirchlichen Mitarbeitern und Ehrenamtlichen ein ziemlich konkretes Bild gemacht davon, wie die Arbeit mit Kindern im Kirchenkreis aussieht.
Mit diesem Auftrag war sie im Herbst 2010 angetreten. Jetzt ist ein erster Teil des Weges geschafft, und die Sozialarbeiterin zieht ein erstes positives Fazit. Danach steht es außer Frage, dass es sowohl in der Stadt Görlitz als auch im ländlichen Raum vielfältige Angebote für Kinder gibt. Doch längst nicht immer erscheinen dann auch so viele Kinder, als dass die umfangreiche Vorbereitung gerechtfertigt erscheint. Hier will Anette Fünfstück ansetzen, mit Gemeinden und Mitarbeitern sprechen, Vorschläge für einen besseren Einsatz der Arbeitskraft machen und Vernetzung entwickeln helfen.
Durch ihre vielen Besuche hat sie unterschiedliche Konzepte kennengelernt, von denen andere Kirchengemeinden oft profitieren könnten. Hier setzen die Gesprächsgruppen an, in denen im Frühjahr Gemeindevertreter zusammen kommen sollen, um über Wünsche und Ziele in der Arbeit mit Kindern zu sprechen. Dann soll ein größeres Kennenlernen über Gemeindegrenzen hinweg entstehen, ein stärkeres Miteinander. Anette Fünfstück will zeigen, wie benachbarte Gemeinden sich gegenseitig unterstützen können.
Am Anfang dieser Überlegungen stehen – natürlich – die Kinder. Die sind, vor allem auf den Dörfern, oft lange unterwegs vom Heimatort zur Schule und am Nachmittag, nach dem Ende der Ganztagsangebote, wieder nach Hause. Da ist die Lust, sich beispielsweise zur Christenlehre erneut auf den Weg zu machen, schnell am Ende. Also lenkt Anette Fünfstück den Blick auf ihre mit Pfeilen bemalte Karte und auf die dort gekennzeichneten Schulstandorte.
Man müsse überlegen, was Kirchengemeinden an diesen Orten anbieten könnten, sagt sie. Denn da seien die Kinder bereits angekommen und schneller zum Mitmachen zu motivieren. Dem entgegen steht in vielen Kirchengemeinden die Sorge, die Kinder zu verlieren, wenn man sie auf diese Weise aus der Hand gebe. Frau Fünfstück betont hingegen, dass es für die Jungs und Mädchen besser sei, in kleinen, gleichaltrigen Gruppen zusammen zu sein, als in einer Christenlehrestunde, in der die 1. bis 6. Klasse versammelt sei und dadurch das Eingehen auf die verschiedenen Altersstufen kaum noch möglich sei.
In gleicher Weise ermutigt auch die Landeskirche die einzelnen Gemeinden in ihrem Perspektivprogramm "Salz der Erde", sich eigenständige Profile zu geben und sich untereinander zu ergänzen, statt auf sich allein gestellt möglichst viele Angebote stemmen zu wollen. Vertraute Strukturen aufzugeben könne neue Lebendigkeit schaffen, heißt es in dem Programm.
Die Diskussionen darüber, wohin die Arbeit mit Kindern gehen solle, müsse in den Kirchengemeinden, mit dem Mitarbeitern und dem Gemeindekirchenrat stattfinden, betont Anette Fünfstück. Sie wolle die Möglichkeiten aufzeigen, beispielsweise kirchliche Angebote in die Ganztagsangebote der Schulen einzufügen. Gespräche mit der Bildungsagentur in Bautzen haben ergeben, dass die Schulen dafür durchaus offen sind. Gleichzeitig könnte, wie in Görlitz-Weinhübel, der Akzent auf ein „kirchliches Familienzentrum“ Kinderhaus Regenbogen gelenkt werden. Denn auch die Eltern als Vorbild seien wichtig, wenn man die Kinder erreichen wolle, betont Anette Fünfstück. Sie müssten die Verbindlichkeit, an kirchlichen Angeboten regelmäßig teilzunehmen, vorleben. Dies gelte im Übrigen auch für die kirchlichen Mitarbeiter.
Frau Fünfstück setzt sich dafür ein, dass für Christenlehre- oder Ganztagsangebote Vertretungen organisiert werden, die für die Kinder eine Regelmäßigkeit garantieren. Wenn Mitarbeiter zudem in den Gemeinden arbeiten würden, in denen sie leben, erhöhe das deren Glaubwürdigkeit, etwa dann, wenn man sich sonntags im Gottesdienst treffe oder einfach mal so im Ort. Hier sind dann nicht nur die Kirchengemeinden gefragt, sondern auch die Kirchenleitung, denn viele Katecheten im Sprengel haben nicht mehr viele Jahre bis zur Rente. Es müssten neue religionspädagogische Mitarbeiter ausgebildet werden, wenn wir auch weiterhin Kinder und deren Familien in allen Altersgruppen erreichen wollen – auch wenn es weniger werden, betont Anette Fünfstück. Sie ist froh, bislang auf viele offene Ohren gestoßen zu sein und richtet ihr Augenmerk jetzt auf die Gruppengespräche, die mit den Gemeinden nun folgen sollen.
