Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Kirche Hintergrund Kinder Kinder: Tagesstätte „Salem“

Kinder: Tagesstätte „Salem“

In der heilpädagogischen und integrativen Kindertagesstätte „Salem“ der Stiftung Diakonie Görlitz sind behinderte Kinder bestens aufgehoben und werden gut versorgt. (01.03.2006)

„Möchtest du noch etwas fühlen? Komm, dann gehen wir wieder zum Mose, den magst du doch so.“ Das kleine Mädchen wird an die Hand genommen, findet fast allein die Puppe des Propheten inmitten des Raums. Dinge, die sie noch nicht kennt, ertastet sie mit flinken Fingern, fragt „was ist das“ und „wer bist du“. Die Dreijährige ist blind, und keins der Kinder um sie herum findet das seltsam.

Fast jeder hier in der Kita „Salem“ am Fuße der Görlitzer Landeskrone hat eine Behinderung, ist davon bedroht, verhält sich gestört oder zumindest auffällig. Manche haben Chromosomschädigungen, sind von Geburt an mehrfach beeinträchtigt, andere sind nur ein wenig hinterher in ihrer Entwicklung und kommen eben etwas später in die Schule als ihre Altersgenossen.

Beim großen Morgenkreis, mit dem jeden Montag für die vier Kinder-Gruppen die Woche beginnt, gehen alle offen miteinander um. Vertraut fassen sich an, gleich wie agil der Nächste ist. Als sie das Lied um Mose und die zehn Gebote hören, singen oder nur mitsummen, scheint es selbstverständlich, dass ein Junge mit Down-Syndrom wild um den Berg – einen umgestülpten Hocker – tanzt oder mitten durchs Volk Isreal tappt – jene verkleideten Puppen, die auch das blinde Mädchen mag. Wer apathisch ist und sich nicht rührt, der darf das und wird trotzdem nicht ausgeschlossen, und ein Junge, der die ganze Zeit weint, wird nicht groß ausgefragt, warum. Dass einer unter ihnen Angst vor Nähe hat, weil er autistisch ist, wissen die Kinder auch und lassen ihn in Ruh.

Annette Fünfstück, Leiterin der Einrichtung seit 13 Jahren, geht es darum, jedes Kind so anzunehmen, wie es ist, maximal zu unterstützen, zu fördern und es zu jener Selbstständigkeit zu führen, die es so lebensfähig und unabhängig wie möglich macht.

„Deshalb ist der Kontakt zu Eltern, Therapeuten und Ärzten besonders wichtig“, sagt sie, verweist auf die physio- und die ergotherapeutische Praxis im Haus, die Logopädin, die regelmäßig Sprechunterricht gibt, die Elternabende und die vielen Gespräche mit Müttern und Vätern. Man müsse immer alles ganzheitlich betrachten, um das Kind verstehen sowie einen individuellen Förderplan erstellen und flexibel gestalten zu können.

Denn die Entwicklung der Kinder sei stark abhängig von den häuslichen Verhältnissen und dem Grad, in dem die Familie Fürsorge, Festhalten und Loslassen gegeneinander abwägt. „Es gibt Eltern, die sind uns gegenüber erleichtert und dankbar, andere sind beinah gleichgültig. Dann gibt es die Fordernden, und manche fühlen sich schuldig an der Behinderung ihres Kindes. Die wenigsten machen sich klar, welche Erwartungen sie überhaupt an sich und uns haben, und die meisten schieben die Auseinandersetzung mit dem Thema von sich.“ Dabei gehe es nur darum, dass die Eltern ihr Kind akzeptieren und es sich wohlfühlt.

Aber „Salem“ ist ja nicht nur heilpädagogisch, sondern auch integrativ. Elf der knapp vierzig „Salem-Kinder“ sind „normal“ – „ohne ärztliches Gutachten, das den Hilfebedarf bescheinigt“, konkretisiert Annette Fünfstück dieses allzu leichtfertig gebrauchte Wort. „Was heißt das schon: normal!“, sagt sie, und ein Lächeln huscht ihr übers Gesicht.

Seit 2000 nimmt sie auch Kinder auf, die nicht behindert sind. Das tun Eltern gern, weil jedes einzelne Kind hier gleich viel Aufmerksamkeit erfährt, unabhängig davon, ob es Förderbedarf hat oder nicht, und weil es hier tatsächlich von Beginn an sehr viel Toleranz mit auf den Weg bekommt. „Bei Erwachsenen sind die Berührungsängste oft viel größer“, sagt Annette Fünfstück. „Wenn man aber schon so früh Umgang mit Behinderten hat, entstehen sie gar nicht erst.“

Ines Eifler

Artikelaktionen
Startseite | Impressum