Kinder: Geschichte als Theaterszenen - Jubiläum der Kindertagesstätte in Daubitz
Die Evangelische Kindertagesstätte in Daubitz feiert mit einer Festwoche vom 10. bis zum 16. Juli ihren 60. Geburtstag. (05.07.2006)
Die Daubitzer Kinder spielen ihre Geschichte. Oder besser, weil sie noch zu klein sind, die Geschichte ihres Kindergartens. Der wird nämlich nächste Woche sechzig Jahre alt und feiert das mit einer ganzen Festwoche vom 10. bis zum 16. Juli. Am Mittwoch beim Gemeindenachmittag verlebendigen sich in der Daubitzer Kirche die vergangenen Jahrzehnte, wenn die jüngsten Dorfbewohner bunt kostümiert ein paar Theaterszenen aufführen.

In einem der ältesten Gebäude des Orts ist der evangelische Kindergarten untergebracht, an einer Spielstraße gelegen und gleich gegenüber der Kirchhofmauer. Das hübsche Fachwerkhaus war immer schon voller Kinder, gebaut wurde es im 16. Jahrhundert als Schule, als weltlicher Kindergarten diente es bereits im 20. Jahrhundert. „Im Krieg war das Haus Lazarett, dann lagen hier verletzte sowjetische Soldaten“, erzählt KiTa-Leiterin Elfrun Walter, und hier beginnt das Theater.
Die Witwen der Gefallenen und Vermissten arbeiten schwer auf den Feldern, ihre Kinder, halbe Waisen, immer am Rockzipfel. „Könnten wir sie nur tags irgendwo gut unterbringen!“, seufzen die Frauen, und der Pfarrer erbarmt sich ihrer, so spielen es die Kinder. Als die Russen weg sind, bittet der Daubitzer Pfarrer den zuständigen Kommandanten, anstelle des nun ausgedienten Lazaretts einen evangelischen Kindergarten einzurichten. „Hier wohnten ganz viele Leute auf beengtem Raum“, und Elfrun Walter zählt wie Kasperletheaterfiguren den Polizisten, den Kantor, den Küster mit seiner Frau und andere Leute, „vier bis fünf Familien“, auf, die in dem nicht kleinen, aber auch kaum großen Haus lebten. „Von Osten kamen damals die Flüchtlingstrecks, und so kann hier nicht viel Platz gewesen sein.“
Dennoch bekamen die Kinder aus Daubitz, Rietschen und umliegenden Dörfern nun ein Domizil zwischendrin. Ihre sechzig Jahre jüngeren Kollegen spielen eine keifende Frau, unter deren Wäscheleinen man nicht toben darf, das ewig lange Warten vor der einzigen Außentoilette, auf die alle Hausbewohner gehen müssen, die Kälte, weil die Kohle knapp ist, und wie man den schlimmsten Hunger mit trockenem Brot stillt.
Im sonnigen Garten der Kita haben sie eine Menge Kirschen gegessen und die Steine für die Theaterproben aufbewahrt. „In den ersten Jahren gab es ja kein Spielzeug“, erklärt Elfrun Walter, warum die Kirschkerne in einer Schale statt im Abfall landen. „Damals spielten die Kinder mit Knöpfen, oder wenn man mit Kreide ein Spielbrett aufmalte, dann war das ein ‚Mensch ärger dich nicht‘, und die Kirschkerne dienten als Männchen.“
Ein paar derer, die in den Sechzigern den Daubitzer Kindergarten besuchte, wirken am Mittwoch mit und sind mit einem Lied dabei. Dass einmal Gäste aus Afrika da waren und ihnen Gesänge und Tänze beibrachten, daran erinnern sich noch einige der längst erwachsenen Ehemaligen, und so üben sie mit den heutigen Kindern das „Assante sana jessu“ für den Gemeindenachmittag ein. Aus den Jahren danach sind einige Kleider erhalten, die für eine lustige Siebziger-Modenschau reichen, „und zur jüngeren Zeit überlegen wir uns noch etwas“, sagt Elfrun Walter.
„In jedem Fall aber singen wir das hier allen bekannte Daubitz-Lied, zu dem wir zwei Kindergarten-Strophen hinzugedichtet haben.“ Um Naturverbundenheit und die Liebe zur Gegend geht’s darum, „wie wohl sich die Kinder in der Region fühlen und deshalb lange daran denken wollen.“ Aus dem gleichen Grund endet die Festwoche mit einer Fahrradtour für alle. „Mit den Familien der Kinder wollen wir insgesamt 60 Kilometer radeln, die Kleineren eine kurze, die Hortkinder eine längere Strecke.“
Zum Gemeindenachmittag am 12. Juli um 17 Uhr lädt die evangelische Kindertagesstätte in die Daubitzer Kirche ein: „Kommt, Ihr Leute, kommt herbei!“
Ines Eifler
