Kinder: Freie Evangelische Dietrich-Heise-Schule aus Görlitz wird „Europaschule in Sachsen“
75 Kinder jubeln: Die Freie Evangelische Schule Görlitz ist eine von drei Grundschulen, die ab 2011 den Titel „Europaschule in Sachsen“ führen dürfen.
Am Dienstagvormittag wurde die Tafel am Eingang der Schule in der Görlitzer Otto-Müller-Straße 1 feierlich enthüllt. Foto: Bettina Bertram
Bettina Ernst-Bertram
Kultusminister Roland Wöller hat das Gütesiegel am Montag in Rodewisch/Sachsen an die Görlitzer überreicht. Eine blaue Europafahne mit dem gelben Sternenkranz flattert seitdem aus dem Fenster der Villa Witthoefft.
Schule bietet „europaorientierte, interkulturelle Ausbildung“
Das Kultusministerium verleiht dieses Gütesiegel für zunächst fünf Jahre an Schulen, die ihren Schülern eine „europaorientierte, interkulturelle Ausbildung“ ermöglichen, heißt es in der Begründung. Voraussetzung für eine Zertifizierung sei unter anderem eine intensive Förderung der Sprachkompetenzen bei den Schülern, sagte Kultusminister Wöller. Der Europagedanke soll von der Schule in die Region getragen werden. „Außerdem sind dauerhafte Partnerschaften mit Schulen und Ausbildungsunternehmen im europäischen Ausland notwendig“. Die Dietrich-Heise-Schule hat solche Kontakte und will ihre Netze weiter knüpfen.
Mit Willem, Karolina, Amelie und all den anderen, die Holländisch, Polnisch oder Englisch als zweite Muttersprache haben, sind verschiedene Sprachen Europas ohnehin an der Dietrich-Heise-Schule zu Hause. Polnisch als Partnersprache lernen die Kinder der einzügigen Freien Grundschule bereits ab der 1. Klasse.
Unterstützt wird der Spracherwerb seit Jahren auch von Europäischen Freiwilligen (EFD) und jungen Comenius-Sprachassistenten, die ihre jeweiligen Erfahrungen aus Polen, Frankreich, Rumänien oder Ungarn mitbringen. Auch drei der vier Lehrkräfte wurden in Polen geboren und haben interessante Wege hinter sich. Da ergeben sich Gespräche über Kultur und Bräuche im übrigen Europa wie von selbst. „Manchmal hat unsere Lehrerin Frau Strzałek ein polnisches Fähnchen anstecken, dann spricht sie eine ganze Stunde lang kein Deutsch mehr...“, berichtet ein blondes Mädchen aus der dritten Klasse in gespielter Entrüstung. „Das Gleiche gilt bei einem englischen Fähnchen. Aber wir verstehen sie auch so.“
„GUT“
Am Schwarzen Brett steht für jede Klasse regelmäßig: „GUT“. Hinter der Abkürzung „GUT“ verbergen sich im Schulalltag die „Gemeinsamen Unterrichtstage“, die klassenweise mit einer polnischen Partnerklasse einmal in Görlitz und das nächste Mal in Zgorzelec stattfinden. Dort erwerben die sechs- bis zehnjährigen Kinder in kleinen deutsch-polnischen Gruppen, zu zweit oder zu dritt, aber auch bei Bewegungsspielen in der Gruppe die Sprache des Nachbarn. Auch der Schwimmunterricht wird bis zum polnischen A- oder B-Seepferdchen in polnischer Sprache („Schwimmzajęcia“) in der Schwimmhalle in Zgorzelec erteilt. Zahlreiche Lieder und Gebete lernen die Kinder der Freien Evangelischen Schule ab der ersten Klasse in Polnisch und später in Englisch.
„Praktisch: Polnisch“
Alltagskompetenzen und Orientierung im Nachbarland werden auch im Rahmen des Ganztagsangebotes vor Ort in Zgorzelec eingeübt. „Praktisch: Polnisch“ heißt die Arbeitsgemeinschaft, bei der die Lehrerin Emilia Strzałek mit den Kindern nach Zgorzelec geht: Dort probieren sie ihr „Schulpolnisch“ in authentischen Situationen aus: beim Restaurantbesuch, auf der Post, sie bestellen „Lody“ – Eis – oder lernen Künstler im Museum kennen. Der einzige Nachteil: Die AG ist so beliebt, dass manches der 75 Schulkinder erst im nächsten Halbjahr dran teilnehmen kann. „Die Fähigkeit, sich in einem anderen kulturellen Umfeld sicher zu bewegen und mit den Menschen dort erfolgreich zusammenzuarbeiten, wird immer wichtiger. Die ausgezeichneten Schulen leisten neben der Vermittlung dieser Fähigkeiten einen mindestens ebenso wertvollen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung und zum Europaverständnis der Schüler ", betonte der sächsische Europaminister Jürgen Martens bei der Verleihung des Zertifikates.
Europäische Themen ziehen sich kindgerecht und vielfältig durch die Schultage in der Villa Witthoefft. Selbst in Mathematik, sagt Rafael Deschka, fließen Rechenstrategien anderer Länder ein: Die Drittklässler üben, mit dem polnischen Abziehverfahren zu subtrahieren – für deutsche Eltern nicht ganz einfach... Oder die Acht-, Neun- und Zehnjährigen probieren Sachrechnen auf Polnisch, auch mit anderen Währungen. Bei den Projekttagen, in denen die Kinder klassenübergreifend in Gruppen an verschiedenen Stationen arbeiten, spielt Europa oft eine Rolle.
Der Schulalltag profitiert da auch von der Teilnahme der Lehrer an den internationalen medienpädagogischen Projekten wie „Schatzsuche in der Euroregion Neiße-Nissa-Nysa“ oder der Mitarbeit an der interaktiven viersprachigen Sprachlern-CD-ROM „Lingo und Lina“.
Was macht eine Europaschule in der Region:
- Sie lernt kontinuierlich und partnerschaftlich nach dem Görlitzer „Sprachbrückenmodell“ – mit einer Partnerschule in Zgorzelec die Sprache des Nachbarlandes,
- Unternimmt Abschlussfahrten nach Breslau/Wrocław, Oppeln/Opole mit Schulbesuch,
- Ist auf Messen und Veranstaltungen präsent: „Tag der Zweisprachigkeit“, beim Sprachwettbewerb „Singen in Fremdsprachen“, ist „Sprachschule“ beim Begegnungskirchentag, geht zu Bildungsmessen usw.
- Bietet Workshops für deutsche und polnische Lehrkräfte zum Thema „Tandemlernen und Sprachanimation“ an sowie das Fortbildungsprogramm für Lehrkräfte aus Polen im Rahmen des Interreg-IIIa-Projektes „Wissen über den deutschen Nachbarn“,
- Ist Initiator und Hauptträger des transnationalen europäischen LINGUA-Projektes „Lingo und Lina“. Das ist ein interaktives Lernprogramm für frühes Fremdsprachenlernen,
- Arbeitet in schulischen Netzwerken und betreut Praktikanten aus umliegenden Schulen, Hochschulen und Ausbildungsstätten, aber auch vom Lehrerkolleg Opole.
- Bietet regelmäßig einen Polnisch-Crashkurs für interessierte Eltern an u.v.m.
