Kinder: Ambulanter christlicher Kinderhospizdienst entsteht im Kreis Görlitz
Der Tod eines Kindes ist eine tragische Ausnahmesituation. Anja Hempel weiß darum.
Von Bettina Ernst-Bertram
Die 33-jährige Krankenschwester hat nicht nur die Zusatzausbildung „Palliativ Care“, die sie befähigt, Erwachsene und unheilbar kranke Kinder bis zum Sterben zu begleiten: Sie hat auch in Potsdam einen ambulanten Hospizdienst koordiniert und bereits in einem stationären Hospiz gearbeitet. Nun lebt sie seit 2008 mit ihrer Familie in der Oberlausitz und baut hier einen ambulanten christlichen Kinderhospizdienst auf.
Mit dem bewegenden Dokumentarfilm „Seelenvögel“ (2009) von Thomas Riedelsheimer trat der entstehende Kinderhospizdienst im November zum ersten Mal in Görlitz in Erscheinung. Unter den 80 Besuchern des Filmabends waren acht Frauen, die einen Kurs zur Kinderhospizhelferin absolvieren möchten. „Wir gründen ein Netz, das Familien mit schwerkranken und sterbenden Kindern in ihrer schwierigen Situationen mitträgt“, so der gemeinsame Tenor. Eine Hebamme und eine Ärztin sind in dem Interessentenkreis, aber auch Menschen, die nicht aus medizinischen Berufen kommen. „Sie haben viel Interesse an Menschen, an Kindern, sind bereit, von ihrer Zeit abzugeben, sind offen für andere Lebenskonzepte, vor allem können sie gut zuhören“, sagt Anja Hempel über sie. „Und sie sind bereit zu einer intensiven Reise zu sich selbst“.
Beistand im Alltag
Es würden keine pädagogisch herausragenden oder pflegerischen Fähigkeiten erwartet, sagt Anja Hempel, die Mutter von drei, bald vier Kindern. Die Frauen und Männer trauen sich zu, aus christlicher Nächstenliebe den Familien mit schwerstkranken und sterbenden Kindern im Alltag beizustehen, praktisch ab Diagnosestellung und auch über mehrere Jahre hinweg, sei es beim Spielen mit den Geschwisterkindern oder mit Gesprächen oder einfach mit Vorlesen. „Sie tun, wofür die Eltern vorübergehend überhaupt keine Nerven haben, sie kümmern sich darum, dass die Eltern mal Luft holen können. Für Jugendliche sind sie einfach auch neutrale Ansprechpartner für ihre Sorgen um die Therapie, ihre Konflikte, aber auch ihre Wut und Verzweiflung“, sagt Anja Hempel, die in einem kleinen konfessionellen Krankenhaus geprägt wurde. „Unsere Ehrenamtlichen halten es aus, wenn Familien aus den Fugen geraten. Es ist ja auch eine Situation, in der sich manchmal der Freundeskreis neu ordnet.“
14 Kinder starben 2009 im Landkreis
Auf das Sterben von Angehörigen im Kindesalter sind in unseren Breiten heute die wenigsten gefasst: Eltern und Großeltern dürfen – nach der Statistik – darauf hoffen, dass ihre Kinder sie überleben. Im Landkreis starben nach Angaben des Statistischen Landesamtes im vergangenen Jahr sieben Jungen und sieben Mädchen unter 18 (von insgesamt 3777 Verstorbenen). Allein in der Stadt Görlitz waren drei Verstorbene unter 18. Kinder sterben an Tumoren, an Leukämie, an schweren Stoffwechselerkrankungen, an Muskeldystrophie oder anderen lebensverkürzenden Krankheiten. Sie sterben auch im Straßenverkehr, verunglücken beim Baden oder werden Opfer von Gewalt. Zunehmend sind die Mitarbeiter auch für Kinder da, deren Mutter oder Vater im Sterben liegen. „Es ist relativ neu, dass vom Hospizdienst auch jüngere Menschen begleitet werden, deren Kinder dann sehr viel Unterstützung brauchen“, sagt Felicitas Baensch, die Leiterin des ambulanten Hospizdienstes mit etwa 30 Ehrenamtlichen in Görlitz.
Neuer Ausbildungskurs für 2011 geplant
Die Koordinatorin des Kinderhospizdienstes, Anja Hempel, und Felicitas Baensch planen für das kommende Jahr thematische Abende und den Beginn eines neuen Ausbildungskurses in der zweiten Jahreshälfte. Ein weiteres Arbeitsfeld könnte auch die Trauerbewältigung nach plötzlichen Todesfällen und Unfällen der Kinder werden.
Info:
Kontakt: Christlicher Hospizdienst, Mühlweg 3, Görlitz, 03581/480034.
Die Selbsthilfegruppe „Verwaiste Eltern“ trifft sich jeden 1. Dienstag im Monat um 19 Uhr in der Begegnungsstätte der Diakonie-Sozialstation am Zinzendorfplatz in Niesky.
„Trauercafé“: Jeden dritten Mittwoch im Monat um 15 Uhr in der NeisseGalerie, Elisabethstraße, Görlitz.
Getragen wird der Kinderhospizdienst von Maltesern, Diakonie, Caritas und Stadtmission.
„Sternenkinder“: Am ersten Advent um 14 Uhr werden auf dem Städtischen Friedhof in Görlitz die bereits im Mutterleib verstorbenen Kinder des vergangenen Jahres, die „Sternenkinder“, bestattet. Der christliche Hospizdienst und die Leiterin des Städtischen Friedhofs setzen die noch Namenlosen unter einem Engel auf dem Friedhof in Gemeinschaft bei.
Zahlen: Die Kindersterblichkeit liegt in Deutschland bei ungefähr vier je 1000 Lebendgeburten bis zum 5. Lebensjahr. 1960 war sie noch zehnmal so hoch. In dem armen Land Angola sterben heutzutage 200 auf 1000 Lebendgeburten. Das Lexikon des Mittelalters gibt an, dass im Mittelalter mehr als die Hälfte der Kinder das 14. Lebensjahr nicht erreichten. Paul Gerhardt, der Dichter zahlreicher „Tröstelieder“, erlebte im 17. Jahrhundert, wie vier seiner fünf Kinder vor ihm gingen. Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700-60) und Erdmuthe von Zinzendorf (1700-1756), die Gründer der Herrnhuter Brüdergemeine, hatten zwölf Kinder, aber nur vier überlebten das Kindesalter. Das Herrnhuter Paar verlor innerhalb einer Woche vier ihrer Kinder durch eine Keuchhustenepidemie.
Foto: Anja Hempel (B. Bertram)
