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Vorstellung: Anika Dürrbeck. "Gebet auf dem Containerplatz"

Anika Dürrbeck ist Stadtmissionarin in Görlitz. Vor eineinhalb Jahren kam sie in die 55000-Einwohner-Stadt, in der – bei aller Schönheit und allem oberitalienischen Flair – die Arbeitslosigkeit doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt ist und 40 Prozent der Kinder unter 15 Jahren in Hartz-IV-Haushalten leben.

Vorstellung: Anika Dürrbeck. "Gebet auf dem Containerplatz"

Anika Dürrbeck verteilt Suppe und Hoffnung. Foto: Bertram

Von Bettina Ernst-Bertram

„Aber es gibt wenigstens Familien mit Kindern und die Menschen sind sehr aufgeschlossen“, sagt die 29-Jährige gelernte Erzieherin, die mit drei Schwestern in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen ist. Sie hat die Evangelistenschule „Johanneum“ in Wuppertal besucht und ist als Stadtmissionarin die „Erste Hilfe“ und das Gesicht der Kirche für all diejenigen, die im Schatten der Gesellschaft leben. 

„Erste Hilfe“ und Gesicht der Kirche

Im Vergleich zu den größeren und anonymeren Städten Nürnberg – wo sie geboren wurde – und Frankfurt am Main – wo sie mit 23 Jahren bereits einen kleinen evangelischen Kindergarten leitete – findet sie Görlitz „offen, unkompliziert und persönlich“. Sie liebt es, durch die Straßen zu gehen und immer wieder Menschen zu treffen, die sie kennt. Dass sie wegen ihres fränkisch gerollten „Rs“ manchmal für eine Osteuropäerin gehalten wird, stört sie überhaupt nicht. 

Sie kam direkt von der Evangelistenschule aus Wuppertal nach Görlitz. Unter den dortigen Absolventen ist es üblich, sich – entgegen dem Zeitgeist - auf eine einzige Stelle zu bewerben und dort zu bleiben, weil man sich als von Gott dorthin geschickt versteht. Ihr erstes Jahr in Görlitz war ihr letztes Anerkennungsjahr vom „Johanneum“. Bis zum Sommer hat sie noch über ihrer Abschlussarbeit zum Thema „Changemanagement“ gesessen. Und hat in dieser Zeit aber auch schon viel in der praktischen Arbeit erreicht. Als die erwachsenen Besucher der Suppenküche der Stadtmission den halbwüchsigen Besuchern öfter Benehmen beibringen wollten, beschloss sie, die Gruppen zu teilen. „Die Kinder haben auch ihr Päckchen zu tragen und sehnen sich nach Anerkennung.“  Die Räume des barocken Hauses der Stadtmission in der Langenstraße wurden neu verteilt. Die Jugendlichen malerten die Wände ihres Kinder- und Jugendclubs u.a. in flammendem Orange mit irren Kringeln und einen grellgrünen Flur. 

„Entdecke deine Möglichkeiten...“

An den Sonntagen wird erst einmal schön gekocht, denn „Hunger macht schlechte Laune“, und ein gemeinsames Essen gibt dem Tag Struktur. Meist hat Anika Dürrbeck auch ein Thema vorbereitet. „Am Totensonntag haben wir über die Ewigkeit und den Himmel diskutiert, da waren alle dabei, jeder hat erzählt, wer gestorben ist, wen er vermisst, einen Freund, die Oma...“ Oft spielen sie. „Das Spiel des Wissens“ oder  „Tabu!“ – Begriffe darstellen und erraten – sind die Favoriten. Verschüttet gegangene Kompetenzen trommelt sie mit ihren Händen hervor. Ein Cachon, ein modernes Schlag- und Rhythmusinstrument, hilft dabei. „Entdecke deine Möglichkeiten“, unter dem Slogan haben Anika Dürrbeck und ihre Ehrenamtlichen im vergangenen Jahr mit den Jugendlichen Umgangsformen und Kulturtechniken geübt, darunter zum Beispiel Lesen. In diesem Jahr heißt ein Kurs „Tanz‘ dich stark“. Dabei können Mädchen und Frauen Selbstbewusstsein trainieren und Selbstwahrnehmung üben.

Zwei Kinder holt Anika Dürrbeck von der Schule ab und gibt ihnen Klavierunterricht. Sie selbst spielt Piano in einer Görlitzer Frauenband. Gelegentlich predigt sie im Gottesdienst und in der Woche gibt sie Hausaufgabenhilfe. 

Mit den Jugendlichen, die „mit viel Zeit“ auf den Plätzen der Stadt herumstehen und fettige Chips, aber keine Kartoffeln zu Mittag essen und die niemand früher je zur Kurrende mitgenommen hat, redet sie manchmal. „Manche von ihnen sagen: Ich habe nichts gegen Kirche, ich habe sie nur nicht kennengelernt“, berichtet die junge Stadtmissionarin. 

Straßenmusikanten, die auch bei Minusgraden draußen in die Tasten greifen, lädt sie mittags in die Suppenküche ein. Auch Bettler oder die Frauen vom Abfallcontainerplatz, die schauen, ob da etwas abgeladen wird, was noch zu verwenden wäre. 

„Suppe, Seife, Seelenheil“

Die Stadtmission bietet nicht nur Suppe, sie ist auch für „Seife und Seelenheil“ zuständig. Arme können dort duschen und sich aus der Kleiderkammer etwas mitnehmen. Und gebetet wird auch. Wenn Anika Dürrbeck an den Containerplatz kurz vor der Neiße Suppe bringt und die Hände vor ihrer Terrine faltet, lächelt dort die Frau, die kein Deutsch kann, die Missionarin an und faltet ebenfalls ihre Hände vor dem Essen. 

Der Görlitzer Verein für Diakonie und Stadtmission hatte sich vor reichlich einem Jahr auf seine Wurzeln besonnen, als er die Absolventin als hauptamtliche Stadtmissionarin einstellte. Sie wird als Christin und Sozialarbeiterin dort tätig, wo es sich betriebswirtschaftlich nicht „rechnet“. 

Der Verein unterstützt auch die  Bahnhofsmission und betreibt den Teekeller und mehrere Übernachtungszimmer und weiteres, was aus Spenden lebt. Auch ein Besuchsdienstkreis, der Geburtstagskinder, Alte, Kranke und Neuzuzügler besucht, ist bei der Stadtmission mit angesiedelt.

 
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