Diakonie: Die Zuflucht am Bahnhof
Die ökumenische Bahnhofsmission Görlitz wird vom Verein für Stadtmission und der Caritas getragen. Menschen jedes Alters finden hier Zuflucht. (09.11.2005)
Matthias Fritsche, Gudrun Heinze
„Ja, meine Arbeit hab ich wirklich gern“, sagt Gudrun Heinze nach den fast 15 Jahren, die sie nun in der Görlitzer Bahnhofsmission tätig ist. Gemeinsam mit Matthias Fritsche von der Caritas betreut sie Menschen, deren erste oder oft auch einzige Zuflucht die flache Baracke am Südausgang des Bahnhofs ist. Beiden ist es wichtig, für andere da zu sein.
„Leute jedes Alters kommen hierher – vom Kind bis zum Rentner“, erzählt Gudrun Heinze mit einer Geste, die „ausnahmslos alle“ heißen mag. Gleich wer hier angelangt, sie und Fritsche fragen nicht nach Stand und Namen. Sie nehmen die Menschen so an, wie sie sind, und helfen ihnen in der Not.
In der ökumenischen Bahnhofsmission gibt es eine warme Stube, ein Tässchen Tee, etwas zu Essen und vier Ohren, die offen für die Sorgen derer sind, denen das Leben so schwer fällt. Viele haben keine Wohnung, oft auch Suchtprobleme, die meisten sind einsam und dankbar für menschliche Wärme, ein Gespräch und eine Verbindung zur Welt, die gleichzeitig Heimat ist.
Die beiden hauptamtlichen Mitarbeiter der Bahnhofsmission fangen akute Fälle auf und wissen, an welche Stellen man sich weiter wenden muss, versuchen zu regeln, was sich regeln lässt. „Wenn ein Kind zu Hause solche Probleme hat, dass es nicht mehr zu seinen Eltern will, schalten wir zur Not das Jugendamt ein“, sagt Gudrun Heinze, „und wenn jemand nicht weiß, wo er die Nacht über bleiben soll, finden wir auch eine Lösung“, ergänzt ihr Kollege.
Einer der Hauptgründe für die ersten Bahnhofsmissionen am Ende des 19. Jahrhunderts war die mit Industrialisierung und Landflucht verbundene Zunahme des Reisens ins Ungewisse. „Damals kamen viele junge Frauen auf Bahnhöfen an, wussten zunächst nicht, wohin, und konnten leicht Opfer von Zuhältern und anderen zwielichtigen Gestalten werden. Die Frauen der Bahnhofsmissionen kamen dem Problem zuvor.“
Was Gudrun Heinze da sagt, hat für sie, Matthias Fritsche und ihre sechs ehrenamtlichen Kollegen noch immer Bedeutung, auch wenn sich die Zeiten längst gewandelt haben. Die Hilfe für Reisende, Umsteiger und Ankommende nimmt zwar heute nur noch ein Fünftel ihrer Aufgaben ein, doch fast immer ist jemand im Bahnhof unterwegs und achtet darauf, ob ein Reisender Hilfe braucht. „Vielleicht eine Mutti mit Kinderwagen, ein Rollstuhlfahrer oder ein alter Mensch, der nicht mehr gut laufen kann.“ Das meiste aber haben die Mitarbeiter der Bahnhofsmission im sozialen Bereich zu tun. Schließlich sind die Sorgen der Bleibenden heute größer als die der Fahrenden.
Ines Eifler
