Fundstück: Hähnichen
Abschrift: Oberlausitzer Gemeinde-ABC. (Artikelreihe in "Die Kirche", 1950 bis 1952)
Das Dorf Hähnichen im Kreise Rothenburg O/L, an der Berlin-Görlitzer Bahnstrecke, bildet ursprünglich mit den benachbarten Dörfern Quolsdorf, Spree und Trebus einen zusammenhängenden Güterbesitz derer von Rothenburg. Zwei Brüder Timor und Nickel v. Rothenburg zu Hähnichen kommen um 1400 mehrfach vor. Als ein halbes Jahrhundert später nur noch drei Brüder von Rothenburg, Hans (genannt Spreehans), Conrad und Heinrich im Besitz der Familiengüter waren, befanden sich von all den Dörfern bereits Anteile in den Händen anderer Besitzer. Zu Quolsdorf erscheint schon 1479 ein Casper v. Nostitz und 1464 sind bei einer Einigung um einen Graben bei Hähnichen außer den drei Brüdern von Rothenburg beteiligt die Frauenkirche in Görlitz und der Stadtschreiber dieser Stadt, Johann Bereit. Den Hauptanteil aber an Hähnichen nebst Trebus hatten schon vorher zwei Brüder Georg und Hans v Gersdorff inne, vielleicht Nachkommen des Gale Jon v. Gersdorff vom Hänichen, der 1428 durch den Straßenräuber Fritsche Gröbis und seine Genossen gefangen und ermordet wurde. Nach dem kinderlosen Tode des Georg von Gersdorff fiel dessen Anteil an die Krone Böhmen heim. Diese überließ ihn 1464 an den schon genannten Stadtschreiber Johann Bereit, der ihn der Stadt Görlitz gab. An den Rat von Görlitz verkaufte auch Hans v. Rothenburg 1465 die noch verbliebenen Anrechte der von Rothenburg an Hähnichen und Spree. Eine Heide bei Spree nebst einer Anzahl Untertanen in diesem Dorfe erwarb der Rat 1499 noch von Otto v. Nostitz hinzu. Im liber censuum der Stadt Görlitz finden wir demnach seit 1465 die Dörfer Hähnichen, Trebus und Spree mit ihren Abgaben verzeichnet. Görlitz verlor diese Güter vermutlich durch den Pönfall. Die Krone Böhmen verkaufte sie jedenfalls bald nachher an die v. Deupold, welche wenigstens seit 1554 auf Hähnichen und Spree gesessen haben.
In Hähnichen war die Parochialkirche und Begräbnisstätte für die umwohnenden Besitzerfamilien. Nur das Gut Spree war nach Rothenburg eingepfarrt und besaß in der Kirche zu Hähnichen ein Gastrecht.
Von Gliedern der beiden Familien von Nostitz auf Quolsdorf und v. Deupold auf Hähnichen haben sich Grabsteine erhalten und zwar vom Ende des 16. bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts. Nach dieser Zeit gingen die Güter auf andere Adelsgeschlechter über, wovon wieder Grabsteine Kunde geben.
Diese Nachrichten über Hähnichen vor 1700 konnten einer Abhandlung von Hans Schmitt „Die Grabdenkmäler in Hähnichen“ entnommen werden, abgeduckt im „Neuen Lausitzer Magazin“, Band 89, und dem „Heimatboten des Kreises Rothenburg O/L“ von Robert Pohl. Leider sind sämtliche Akten mit dem Pfarrhaus in den Kriegstagen Mitte April 1945 verbrannt.
Nur dem Umstand, daß in jenen Tagen auch die Spitze des Kirchturms bis zur Laterne abgeschossen wurde, ist es zu verdanken, daß wir uns der Zeit nach 1700 weitere Nachrichten geben können. Der Turmknopf und eine in ihm befindliche Blechdose waren nach der Rückkehr vom Kirchenältesten Max Ramtke aufbewahrt worden. Die Blechdose enthielt Urkunden über die Turmreparaturen und andere Mitteilungen.
Die älteste Urkunde von 1708 besagt unter anderem: „Dieses Gotteshaus ist 1708 fast ganz von neuen erbaut worden und sind zu dieser Zeit Collatores (= welche Beiträge leisten) gewesen: Hans Gottlob von Gabelentz auf Hähnichen (Wappen auf der rechten Seite des ganz aus Holz geschnitzten Altars) und Hans Haubold von Schönberg auf Quolsdorf (Wappen auf der linken Seite des Altars). Pfarrer ist gewesen Johann Marius, Schulmeister Mayer, Kirchvater in Hähnichen Georg Richter, in Quolsdorf Christian Faber, ein Maurer, welche die Kirche erbaut und verfertigt hat und der Zimmermann Balthasar Kummer von Leuba bei Ostritz.“
Bereits 1783 mußte der Turm wieder erneuert werden, weil er einzustürzen drohte. Daher wurde er vollständig abgetragen und ein neuer Grund gelegt 2 ½Ellen tief und 2½ Ellen breit. Am 10. Juni 1783 wurde mit der Arbeit begonnen und am 4. September wurde der neue Turm gehoben. Die beiden Lehnherrschaften waren Johann Georg Schulze auf Hähnichen und Witwe Johann Elisabeth von Rackel auf Quolsdorf. Pastor war Johann Friedrich Eberhard, Schulmeister Karl Gottlob Nitsche, Kirchvater von Hähnichen Johann Duntsch, von Quolsdorf Johann Georg Kreibig.
Nach einer geringfügigen Reparatur an der Laterne des Turms mußte 1845 wieder eine durchgreifende Ausbesserung stattfinden, nach deren Beendigung der neu vergoldete Knopf nebst Fahne und Stern wieder aufgesetzt wurden.
Die damals beigefügte dritte Urkunde besagt unter anderem Folgendes: „Um den erneuerten Anstrich des oberen Teiles des Turmes, der aus Holz besteht, besser zu erhalten, wurde eine an der Hähnichner Gruft an der Westseite des Turmes stehende Pappel, die über die Laterne des Turmes reichte, gefällt und ein Blitzableiter angelegt. 1804 brannten das Pfarrhaus und die Nebengebäude ab. 1814 wurde die große Heide in eine Dominial- und eine Gemeindeheide geteilt. 1829 kam Neu- Särichen zum Kirchspiel Hähnichen. Neuhof gehörte schon vorher zu Hähnichen. 1836 wurde eine neue Orgel für 500 Thaler beschafft. 1843 wurde die Gemeindeheide an die einzelnen Gemeindeglieder verteilt. Die damaligen Lehnherrschaften waren Charlotte Friederike Steinacker auf Hähnichen und Kunnersdorf und Christian Friedrich Thiele auf Quolsdorf, Pastor zu Hähnichen Ernst August Woch, Schullehrer und Gottlieb Arlt, Kirchvater in Hähnichen Georg Dunsch, in Quolsdorf Gottlob Krause“.
Eine weitere Reparatur der Turmspitze wurde 1912 notwendig, denn die Endstange mit der Wetterfahne stand schief. So mußte auch der Turmknopf wieder abgenommen werden. Es wurde eine neue Urkunde beigefügt: die Kosten der Erneuerung betrugen 1600 Mark. Die Arbeiten führte Klempnermeister Sämann (Görlitz) aus. Über das kirchliche Leben wird gesagt, daß der auf die Erfassung der irdischen Welt gerichtete Sinn der Zeit dem kirchlichen Leben abträglich sei. Zum gewöhnlichen sonntäglichen Gottesdienst kamen 5-20 Männer und 40-70 Frauen. Im Mai 1891 fand die Generalkirchenvisitationen durch Generalsuperintendent D. Erdmann statt. 1892 wurden die Ortschaften Neuhof, Neu- Särischen und die Evangelischen von Niesky ausgepfarrt mit rund 1700 Seelen. Sie bildeten mit den Evangelischen von Alt- und Neu- Ödernitz das Kirchspiel Neu- Ödernitz, jetzt Niesky. Die Seelenzahl der Kirchgemeinde Hähnichen, wozu seitdem nur noch Trebus und Quolsdorf gehörten, fiel damit auf 1200 Seelen. 1906 übernahm der damalige 2. Lehrer Max Klein das Kantoramt. Im gleichen Jahre starb der Patron der Kirche, Freiherr von Wrangel. 1911 trat nach über 44 jähriger Amtstätigkeit Pastor Wessel in den Ruhestand. Ihm folgte Pastor Georg Hildebrand, der im Spätherbst 1927 nach Friedland ging. Als sein Nachfolger wurde Pastor Gerhard Weiner gewählt, der die Pfarrstelle seit Mai 1928 verwaltet.
Durch die Kriegsereignisse von Februar bis Ende April 1945 sind die Orte an und in der Nähe der Neiße besonders schwer heimgesucht worden, auch unser Kirchspiel, Trebus weniger, Quolsdorf mehr und am meisten Hähnichen. Hier wurden 30 Gebäude = ein Drittel des Ortes völlig zerstört, die andern mehr oder weniger stark beschädigt. Die Zahl der Bewohner ist bis 1951 um rund 30% gestiegen. Daher sind auch heute noch die Wohnverhältnisse zum Teil sehr kümmerlich und nicht ausreichend.
Besonders die Kirchgemeinde wurde schwer betroffen. Die Kirchturmspitze wurde abgeschossen, das Kirchdach schwer beschädigt, über die Hälfte der Fenster zerstört, die Friedhofsmauer beschädigt. Das Pfarrhaus brannte aus.
Zur Beseitigung all dieser Kriegsschäden hat die Kirchgemeinde viel Baulasten zu tragen.
Dem Pfarrer wurde durch Herrichten zweier Räume in dem Nebengebäude des Pfarrhauses eine Notwohnung für 1600 DM geschaffen. Das Kirchendach wurde erneuert = 2800 DM, ebenso die zerstörten Fenster = 170 DM, die Friedhofsmauer ausgebessert = 270 DM. Der Kirchturm wurde instandgesetzt = 7500 DM. Dazu half die Kirchenbehörde mit einer Beihilfe von 500 DM, und der Kirchenchor spendete dafür den Reinertrag zweier Kirchenkonzerte.
Kantor Klein trat nach über 40 jähriger Dienstzeit Ende Mai 1950 in den Ruhestand. Zur Zeit wird das Pfarrhaus von Baumeister Schönfelder nach einem Entwurf von Architekt Mayer (Görlitz) wieder aufgebaut. Über 140 Gemeindeglieder haben in freiwilliger Hilfsarbeit mit den Mitgliedern des Gemeindekirchenrates die Ruine des Pfarrhauses abgetragen helfen, die Mauersteine abgeputzt und beiseite gestellt. In ebensolcher Gemeinschaftsarbeit sind viele Fuhren Schutt abgefahren worden. Gott gebe, daß das Haus zum Sommer 1952 bezogen werden kann!
Als letzte Aufgaben bleiben die Erneuerung des Inneren der Kirche und die Wiederbeschaffung der großen und kleinen Glocke. Die mittlere Glocke, die durch gute und böse Zeiten der Gemeinde erhalten geblieben ist und sie unermüdlich unter Gottes Wort gerufen hat, trägt die Jahreszahl 1482 und die Inschrift:
„O rex gloriae veni cum pace“.
Wir wollen wünschen und bitten, daß ihr Ruf:
„O du glorreicher König, komm mit Frieden“
Heut und einst sich erfüllen möge!
