Fundstück: Friedersdorf a. d. Landeskrone
Abschrift: Oberlausitzer Gemeinde-ABC. (Artikelreihe in "Die Kirche", 1950 bis 1952)
Friedersdorf a. d. Landeskrone
Heute, wenn wir nach der Gemeinde Friedersdorf gefragt werden, erklären wir sachlich und knapp: Friedersdorf über Görlitz, Kirchenkreis Reichenbach O/L, Bahnstation Gersdorf, 4 km entfernt, Autobusverbindung mir Görlitz. Zahl der evangelischen Einwohner 866. Das Dorf besitzt Kirche, Friedhof und Pfarrhaus.
Das Pfarramt verwaltet seit 1. Oktober 1945 Pfarrer Herbert Panke, früher in Kesselbach, ab 1. Februar 1949 als Pfarrer der Gemeinde Friedersdorf berufen.
Dagegen läßt sich die „Historische Nachricht von Friedersdorf bey der Landeskrone ausgefertigt von Christian Knauthen, Pastore dasselbst. Görlitz gedruckt bey Richter und Compagnie 1750“ also vornehmen:
Von Friedersdorf überhaupt.
Das Marggrafthum Oberlausitz hat verschiedene Dörfer, welche den Nahmen Friedersdorf führen. Im budißinischen Kreise findet sich eines ohne Kirche; ein anders mit einer Kirche bey Zittau; dergl. Friedersdorf am Queis: und endlich unser Friedersdorf bey der Landeskrone, von dem wir allhier handeln wollen.
Es liegt solches eine Stunde von bemeldten Berge, und 2 Stunden von der Stadt Görlitz, und zwar südwest. Die Lage ist erhöhet, doch dergestalt, daß der meiste Theil der Inwohner gleich in einem Thal sich befindet, und ist mit Büschen und Bergen umgeben.
Der Boden ist von Natur nicht der beste, daher die Einwohner in Bestellung des Ackerwerks sonderlichen Fleiß anwenden müssen; mit Wiesen sind die wenigsten gnugsam versehen, und muß vieles von andern Orten hergeschafft werden. Von Gehölze hat das Hospital einen ziemlichen Wald, wie den auch die meisten Einwohner schwarz und lebendiges Holz haben.
Am Brunnenwasser fehlte es nicht, allein an einer stark vorüber rinnenden Bach oder Fluß, welcher denen Mühlen gnugsam sey. Zwar findet allhier ein im Oberdorfe aus dem so genannten Stenkerborn entstehendes Flüßgen, welches durch Dorf gehet, aber vielmals, bey trocknen Wetter, sich fast gänzlich verliehret, jedoch ist es der Ursprung von einem hernachmals durch andere darein fallende Bäche ziemlich starken Flusse, so auf Markersdorf, Spree, Hänichen, Daubitz, Hammerstädt laufet, und endlich sich in den Schöps, nahe bey Eselsberg, stürzt welcher den Nahmen der kleinen Spreu führet. Da nun das Bächlein von solcher Bewandniß, so kann es die zwey allhier befindlichen Mühlen nicht bedienen, daß die Einwohner ihr Getreide alles in selben mahlen lassen könnten. Wobei wir die Erzählung, mit der man sich träget, nicht unangemerkt lassen können, wie daß am niedern Ende des Dorfes in den alten Zeiten sich eine Mühle gefunden haben soll, davon man noch die Stätte weisen will, die aber von der Erden verschlungen worden, und gottlose dinge damit vorgenommen; wovon man jedoch keinen historischen Beweis hat.
Von der Religion, Kirchen und denen Pfarrern in Friedersdorf
Da ohne Zweifel in denen ersten Zeiten diese Gegend Heyden bewohnet, so ergiebet es sich von sich selbst, daß dieselbe der Abgötterey gepfleget. Wer überhaupt die Beschaffenheit der Religion dieser armen Menschen wissen will, darf nur lesen, was der Apostel Paulus in der Epistel an die Römer im 1. Capitel, Vers 23-25 schreibet. Ins besondere aber berichten und die alten Nachrichten, daß die alten deutschen Einwohner der Oberlausitz die Isidem, die Sorbenwenden aber den Götzen Flynß verehret. Wenn sie ihre heiligen Oerter und Götzen besuchten, erschienen sich nicht mit leeren Händen, sonder brachten ihnen Opfer und Gaben von Wachs, Brodt, Käse, Butter, viele, auch wol lebendige Menschen, sonderlich Christen , wenn sie dergleichem gefangen hatten. Bey ihren Götzendienst erzeigten sie sich sehr eifrig und andächtig, verrichteten viele Gebete, und beschlossen es endlich mit einem Gastmahl. So kläglich der Zustand dieser Leute war, so viel mehr hat man sie glücklich zu preisen, als sie von ihrer Abgötterey abgezogen, und zum Christenthum gebracht worden sind. Dieses ist anfänglich geschehen in den IXten Jahrhundert, als der griechische Bischof Mothodius aus Mühren und Böhmen in dir görlitzische Gegend gekommen, und nicht nur die Götzen zerstöhret, sondern auch die Einwohner von der christlichen Religion unterrichtet.“
Der Chronist weiß dann aus den Jahrhunderten, in denen die katholische Religion in Friedersdorf fuß gefasst hatte, allerlei Interessantes zu berichten. Und was sagt er von der Einführung der Reformation?
„Nun hätte man meynen sollen, daß zu der Zeit, da das Licht des Evangeliums aufgegangen, die Einwohner sich würden haben erleuchten lassen: Allein es war denen meisten die Finsterniß lieber als das Licht. Und ob zwar einige mit großen Begierde zu ihrem Heil dasselbe annahmen, so strebte doch der größte Theil dagegen, unter dem Vorwand, es sey eine Neuerung. So ging es bis nach 1540, und da nach dieser Zeit römische Geistliche nicht wol zubekommen waren, geschehe es, daß vielmals lange Zeit weder Priester, noch Kirchdienst allhier war. Ja, als hernachmals E. Rath denen Einwohnern evangelische Prediger setzte, und die Einwohner sich nunmehr evangelische Prediger setzte, und lange Zeit nicht leiden, und traf hier wolrecht ein: Gott hat das Evanglium gegeben, daß wir werden fromm; die Welt achtet solchen Schatz nicht hoch, der mehrer Theil fragt nich darnach. A. 1560 setzte E. Rath der Gemeine einen redliche Mann zum Pfarr, allein, da derselbe auf ein rechtschaffenes Wesen in Christo drang, schreye man ihn nicht allein vor einen Schwenkfelder aus, sondern that ihm auch allen tort an, wie solches aus etlichen seiner Schreiben nachdrücklich zu ersehen. Gott kam hierauf 1585 mit einer erschrecklichen Pest, in welcher der redliche Pfarr denen Leuten besonders die Gnade in Christo anpriese, wodurch er nicht nur bey denen Sterbenden, sonder auch bey denen die Post überlebenden Personen vielen Segen schaffte, er selbst aber durch die Pest infieciret, seinen Geist aufgab.“
Daß auch damals schon die Obrigkeit sich mühte, durch „gute äußerliche Verordnungen“ „der Furchtlosigkeit und dem fleischlich gesinnten Weltwesen“ zu wehren, geht aus folgenden Aufzeichnungen hervor:
„Es wurden 1616, 1623, 1631 Betstunden und 1629 und 1633 Bußpredigten zu halten ernstlich befohlen: gleich wie die noch jetzo (d. H. 1750) gewöhnlichen monatliche Bußpredigten auf dem Lande Freytags zu halten am Landtage Bartholomäi zu Budißin (Bautzen) 1652 beschlossen worden. Nicht weniger haben dir großen Buß-, Bet – und Festtage, bey der großen Türckengefahr 1663 ihren Anfang genommen. So sind auch die von Hr. D. Spenern vorgeschlagene Cathechismuslehren allhier durch des Oberamts Verordnung A. 1661 eingeführt worden. Zu geschweigen der vielen ins Land ergangenen Landesherrlichen Befehlen wegen des Fluchens und Gotteslästern, des Nachts herrumlauffens und Rockenstuben, der Sabbathsfeyer, üppigen Sauf – und Tanzlust, der Selbstrache, der spöttischen Religionsnahmen u.d.m., wodurch denen überhandnehmenden Lastern gesteuert werden sollen. Gott hat auch in denen neuern Zeiten durch Theurung, Feuersbrünste, Hagel, Donner, Kriegsgefahr, Heuschrecken und andere dem Fleische bittere Mittel, immerzu die sichern nachdrücklich gerufen.“
Ueber die Kirche selbst wird uns berichtet: „Ihr erster Ursprung ist verbergen, weil die Nachrichten und darinnen entfallen. Viele Umstände geben es, daß hiesiger Ort anfänglich nach Gersdorf eingepfarrt gewesen. Es findet sich dasselben Dorfes Kirche in der Matrikul des Bischofsthums Meißen von 1346. hingegen kommer darinnen die Friederdorfer nicht vor. Es hat sich aber unser Dorf von der gersdorfer Kirche losgemachet, indem die Herrschaften eine Kapelle bey uns im Dorfe erbauet. Es ist aber die in Friedersdorf erbauete Kapelle anfänglich keine Parochial- oder Pfarrkirche gewesen, welche einen Secular oder Weltgeistlichen oder Pfarr gehabt; sondern es ist dieselbe anfänglich von Religiosis oder Ordensgeistlichen versehen worden, und vermuthlich von denen Franciscanern und zwar Minoritten aus Görlitz. Allen umständen nach hat der Herr des Dorfes selbe meinst auf seine Unkosten erbauet, indem er den Grund und Boden dazu hergegeben. Den äusserlichen Zustand derselben kann man aus denen noch jetzo befindlichen Ruderibus erkennen, gleichwie dieselbe in gevierter Mauer bis Ac. 1661 gestanden, da man 3 Seitenmauern abgebrochen und die Steine und Ziegel zu der durch den Brand verwüsteten Kirchen Reparierung angewendet.“ Mancherlei Anzeichen lassen darauf schließen, daß diese erste Kapelle vor 1260 errichtet worden sein muß. Sie hat ihre erste Gestalt wohl bis 1429 behalten, „da die Hußiten in diese Lande fielen, und alles, wo sie ankommen konnten, verheereten, besonders aber die Klöster und Kirchen verwüsteten. Bey solcher Gelegenheit ist denn auch diese erste Kirche im Feuer verdorben. Weil nun aber zu der Zeit das Dorf stärker als vorher angebauet gewesen, so hat man eine ganz neue und größere Kirche etwas oberhalb der alten zu bauen und zugleich eine Parochial- und Pfarrkirche zu Stifften beschlossen. Man hat diese neue Kirche, welche in 3 Absetzen in gevierdter Mauer, jedoch ohne Gewölbe aufgeführet, und selbe mit einer hohem und starken Kirchhofsmauer, welche an das alte Gebäude angeschlossen worden, umgeben, also, daß sie nicht allein die Kirche vor feindlichen Ueberfall bewahren, sondern auch denen Einwohnern zu einer Vestung, in die sie sich bey unruhigen Zeiten mit ihrer Haabseeligkeiten begeben könnten, dienen sollte. Nach der Vollendung des Kirchbaues, ist sowol die Kirche als der neue Kirchhof, nach damals gewöhnlicher Weise, von dem Bischof zu Meissen mit großen Solennitäten eingeweyhet, und der heil. Mariä und Ursulä zum schutz anyertraut worden, dahero auch vorzeiten and der h. Ursulä Tag des Kirchweyfest gefallen. „Der Chronist erzählt mir großer Gewissenhaftigkeit von der schönen Ausgestaltung des Inneren der Kirche und man spürt aus seinen Worten die Liebe zum Heimatkirchlein wenn er schreibt: „Solchem nach hatte diese Kirche in Friedersdorf einen Vorzug an Schönheit vor denen meisten umliegenden Kirchen. Wenn man sich nur das äußerlichen Wohlstandes der Kirchgebäude rühmet, und mit den Juden fleischlich ausruffet: hie ist des Herrn Tempel! und also denselben nicht also gebrauchet, daß dadurch der Hertzenstempel gebauet werden möge, so hat Gott nicht nur keinen Gefallen, sodern einen Greuel daran.
Wir können nicht sagen, wie es damals in diesem Stücke bey denen Einwohnern unseres Orts ausgesehen. Die Worte, welche man vorjetze an den bogen des Schiffes lesen kann, sind zu bedenken: Das Feuer ist angangen du durch mein Zorn. Es entstand nemlich Ac. 1661 den 17. May Dienstags Nachmittags ein heftiges Donnerwetter mit ungewöhnlichen Farben am Himmel, ganz grün anzusehen, davon ein Schlag in den Kirchenthurm geschahe, welcher herunter in die Kirche traf, dergestalt, daß dieselbe inwendig zu brennen anfang, alsdenn duch die Decke in das Dach und den Thurm herauf brannte, also daß, da um 4 Uhr der Schlag geschehen, der Seiger in währenden Feuer noch 6 geschlagen, gegen 8 Uhr aber das Sparrwerck und der Thurm mit greßlichen Krachen in die Kirche, so ausgebrandt war, sich einstürzte. Dieses Feuer wütete so sehr, daß nicht das mindeste übrig blieb, auch so gar die Mauern stark beschädiget worden. Der Wind führte von Abend die Flamme zu Felde, und gleichwol konnte das Pfarrhaus kaum erhalten werden. Also war der Friedersdorfer Kirchen Herrlichkeit dahin, und ein jeder hatte nun Ursach, sich um den Herzensgottesdienst zubekümmern.“
Wie die Kirche wieder aufgebaut wurde, welche Männer als Pfarrer, Lehrer und Organisten in Friedersdorf wirkten, ist in der Chronik nachzulesen. Christian Knauth hat dort auch viele „Glück und Unglückfälle“ „nicht zum blassen Wissen, sonder daraus die göttlichen Gnaden- und Zorngerichte zu erkennen, und solche nach Beschaffenheit der Seelenumstände zur Erweckung, Warnung, Ermunterung und Trost anzuwenden“, aufgezeichnet.
Ein knappes Jahrhundert nach dieser gewissenhaften Dorfchronik, genau nach 45 Jahren, hat der Friedersdorfer Prediger Gottlieb Friedrich Otto „Altes und Neues von Friedersdorf als ein Beytrag zur Ober-Lausitzischen Geschichte aufgesetzt.“ Er widmet dieser Schrift als ein Zeichen seiner Hochachtung einen „Hoch-Edeln und Hochweisen Rathe der Chürfürstl. Sächsischen Sechs-Stadt, den hochverordneten Herren Rats- und Bürgerschaftlichen Deputierten und geneigten Gönnern“ und entschuldigt sein Unterfangen u.a. damit, daß seit der Zeit, da sein Vorgänger Christian Knauth seine Historischen Nachrichten herausgegeben, manches Bemerkenswerte vorgefallen und überdies die kleine Schrift des sel. Herrn Knauths selten geworden sei, sodaß viele, die sich um deren Erlangungen bemühet, keine Befriedigung haben finden können. Die Schrift baut im wesentlichen auf der Unterlage der Knauthschen Chronik weiter, ergänzt sie aus alten Hospiatal-Urbarien, Kirchen- und Gemeindebüchern und der historischen Sammlung des Senators Neumannj in Görlitz. Da und dort fügt er eigene Erlebnisse und Beobachtungen aus dem Leben und Treiben seiner Pfarrkinder hinzu. So äußert er sich im 3. Capitel ausführlich über den „Hauptcharakter, die Sitten und Gewohnheiten der hiesigen Einwohner und nimmt sieben väterlicher und priesterlicher Anwalt, gegen mancherlei Vorwürfe in Schutz. So sucht er z.B. die „Grobheit“ seiner guten Friedersdorfer zu wiederlegen, wenn er schreibt: „Will man das Grobheit nennen, wenn jemand nicht die unter gesitteten Bürgern gewöhnliche Complimente machen, oder sich in Teutschen nicht zierlich gnug ausdrücken kann, so gebe ich dieser Beschuldigung Recht. Allein wenn ich die meisten Friedersdorfer Leute vor einem vornehmen Manne den Huth abnehmen, oder sich Bücken, wenn ich sie einen Ankommenden freundlich die Hand bieten, den Weggehenden freundschaftlich begleiten, in Gegenwart angesehner Personen nichts ungebührliches vornehmen sehe; wenn ich sie das höfliche Wort Sie brauchen, wenn ich sie, in dem Fall, daß sie sich dünken etwas unanständiges gesagt zu haben, höflichst um Vergebung bitten, wenn ich sie mit anständigen Ausdrücken zur Hochzeit, zum Pathenstehen, zum Leichenbegängniß einladen, wenn ich sie, so jemand genommen Abtritt wieder zu Gesellschaft kommt, solchen mit Reichung der Hand von neuen bewillkommen höre, so muß ich sie von der Grobheit frey sprechen.“ Er rühmt Treue und Ehrlichkeit als eine „vorzügliche Eigenschaft“ der Friedersdorfer. Arbeitsamkeit, Ordnung und Reinlichkeit sei ihnen eigen, und auch über ihre „Gastfreyheit und Wohltätigkeit gegen die Armen“ weiß er viel Gutes zu sagen.
Jetzt nach rund 200 Jahren hat der Zustrom der neu Angesiedelten und ihre Eingliederung in die Gemeinde dem kirchliches Leben ein neues Gepräge gegeben und es ohne Zweifel befruchtet.
In Kürze wird ein im Pfarrhause bereits ausgebauter kirchlicher Gemeinderaum seiner eigentlichen Bestimmung übergeben werde. Er wird während der kalten Jahreszeit für Gottesdienste und Gemeindeabende und vor allem auch für Zusammenkünfte der jungen Gemeinde zur Verfügung stehen, die sich in sehr erfreulicher Weise entwickelt hat. –
Die Pfarrfrau erteilt den Schulkindern vom 1. bis 6. Schuljahr Christenlehre. Wenn im Anfang einige der Lernanfänger es vorzogen, eine Stunde – man muss es schon sagen – zu „schwänzen“ und dafür diese Stunde nachholen sollten, so begegneten die übrigen dieser Ankündigung der Pastorin mit dem freudigen Ausrufe: „O das ist schön, da bleiben wir mit da!“
Und das sagt wohl genug!
