Vorstellung: Steffen Schumann. Ein Gottesmann mit Faible für Technik
Für den Muskauer Pfarrer Steffen Schumann ist Gott eine Gewissheit. Viele Worte über ihn zu verlieren, findet er überflüssig. Auch sonst bevorzugt er klare Ansagen.
Von Thomas Staudt
Schwarz, praktisch, ohne Designschnickschnack. Und unberührt, fast ein wenig vernachlässigt, gerade so, als habe es der Benutzer nach der letzten Sitzung einfach zugeklappt, steht es eben noch auf dem übersichtlichen Schreibtisch. Im nächsten Moment liegt dank eines winzigen Schraubenziehers die Festplatte des Laptops auf dem Tisch. Einige Handgriffe später werden Schaltkreise sichtbar. Auf einer Steckplatine – der Fachmann spricht von „Motherboard“ – liegen ordentlich fest gelötet Grafik- und Soundkarte sowie der Arbeitsspeicher des transportablen Rechners. „Ich zerlege Ihnen einen Computer in alle Einzelteile, setze ihn anschließend wieder zusammen und er funktioniert“, sagt Steffen Schumann. Die kleine Vorführung und der Kommentar würde jeder als selbstverständlich betrachten, stünde er in der Werkstatt eines Computerladens. Im Muskauer Pfarrbüro lösen sie jedoch Erstaunen aus.
Pfarrer Schumann kostet das Überraschungsmoment nur kurz aus. Lächelnd erklärt er, dass er seine Kenntnisse in der Arbeit mit Jugendlichen gewinnbringend einsetzt. Aber auch älteren Gemeindegliedern ist er damit eine große Hilfe. Erst gestern holte sich ein Mann, der im Restaurant sicherlich ohne Weiteres einen Seniorenteller serviert bekommt, eine erste Lektion im Umgang mit dem Internet. Trotzdem ist Schumann in den fünfzehn Jahren, die er bereits in Bad Muskau Pfarrer ist, mehr als Sanierer denn als Computerspezialist bekannt geworden. Ab 1999 brachte er die Jakobskirche auf Vordermann, in den Jahren 2003, 2004 und ab 2007 nacheinander die Jämlitzer Michaliskirche, die Kapelle Zur Liebe Gottes in Klein Düben und abschließend die Trinitatiskirche in Gablenz. Obwohl längst durchsaniert, bleibt sie für Schumann unter Umständen weiter Baustelle.
Er hat auch sonst eine leichte Tendenz zum Unkonventionellen. Die in der evangelischen Kirche nachhaltig befürworteten kirchlichen Kindergärten findet er nicht gut, sagt er, das sei Aufgabe der politischen Gemeinde, nicht der Kirchengemeinde. Als er sich vor ein paar Jahren auf die Pfarrstelle der deutschen Gemeinde in der heimlichen Hauptstadt Australiens, Sydney, bewarb, fielen nicht nur die Mitglieder des Gemeindekirchenrates aus allen Wolken. Die Bestürzung war beträchtlich. Schumann ist beliebt. Er gilt als einer, der auf die Leute eingeht, sie dort abholt, wo sie im Leben gerade stehen. Die Stelle ging an einen anderen. Doch seitdem hält sich hartnäckig das Gerücht, Schumann wolle weg. Im Kirchenbezirk wechseln Pfarrer nach zehn Jahren ihre Stelle. So ist es üblich. Steffen Schumann wurde nach altem Recht ordiniert und darf bis zu seinem Lebensende bleiben, wenn er will. Bis zwei seiner vier Kinder aus dem Gröbsten raus sind – einer seiner Söhne schließt dann die 4. Klasse ab, der andere macht sein Abitur – wird er Bad Muskau auf alle Fälle die Treue halten. Also mindestens noch anderthalb Jahre. Das Ausland könnte ihn schon reizen, lässt er im Gespräch einfließen.
Mit seinen geschätzten 1,70 Meter, den dunklen Haaren und den hellen Augen ist Steffen Schumann keine auffällige Erscheinung. Könnte man ihn wie einen Computer mit Hilfe eines Kreuzschlitzschraubenziehers öffnen, würde sein „Motherboard“ jedoch eine große Bandbreite an Fertigkeiten und Interessen aufweisen. Vielleicht eignet einem solchen Charakter, zu dessen Beschreibung im Kopf kurz die Bezeichnung „Freigeist“ aufblitzt, einfach die Abwechslung?
Nicht, dass sie sein Arbeitsalltag nicht böte. Pfarrer Schumanns Gemeinden liegen verstreut in zwei Bundesländern. Bad Muskau, Köbeln, Berg, Gablenz und Kromlau liegen in Sachsen. Pusack, Klein Düben, Jämlitz und Zschorno gehören zu Brandenburg. Die größeren Gemeinden sind Bad Muskau mit 750 und Gablenz mit 480 Gliedern. Die Lage der Gemeinden in zwei unterschiedlichen Bundesländern bringt unter anderem bei Kinderferienveranstaltungen Probleme mit sich. Die Ferienzeiten überschneiden sich zwar, sind aber selten kongruent. Die zehn Konfirmanden kommen aus unterschiedlichen Orten und umfassen mehrere Jahrgänge. Alle unter einen Hut zu kriegen, ist nicht einfach. Überhaupt sind die Kreise klein, klagt Schumann. Umso mehr begrüßt er, dass Kinder- und Jugendarbeit Thema der nächsten Synode sein wird. Als wichtige Aufgabe empfindet er Besuche in der Gemeinde, gerade bei Leuten, die nicht mehr so häufig aus dem Haus kommen. Dazu gehören auch die Bewohner zweier Altersheime. Schumann hält dort regelmäßig Gottesdienste. 80 Prozent seiner Zeit gehören der Gemeinde, schätzt seine Frau Angelika. „Pfarrer zu sein, habe ich nie als Beruf gesehen, sondern als Berufung, als Auftrag von Gott“, sagt er selbst.
Grenzerfahrungen sind ihm nicht neu. Er selbst sah sich an Grenzen gekommen, als er in einem einjährigen Intermezzo Krauschwitz seelsorgerlich mitbetreute. Als Pfarrer Vogt die Gemeinde 2007 verließ, kümmerte sich Schumann um die Gemeinden neißeaufwärts bis Klein Priebus. „Länger hätte ich das nicht geschafft.“ Konsequenterweise legte er in diesem Zeitraum alle Ämter im Kirchenkreis nieder. „Entweder ich mache etwas richtig oder gar nicht“, ist seine Devise. Das gilt auch für seine Hobbys. Steffen Schumann singt. Nicht im Kirchenchor, sondern im Männergesangverein. Der Vereinsvorsitzende sprach ihn kurz nachdem er nach Bad Muskau gekommen war an. Schumann sagte zu. „Ich wurde also abgeworben, noch bevor der Kirchenchor irgendeine Chance hatte.“ Ein weiteres Hobby ist das Tanzen. Angefangen hat es mit einem Gutschein. Inzwischen schwingen Schumanns einmal die Woche in Weißwasser das Tanzbein.
Seine dritte Leidenschaft gehört der Technik. Ihre Wurzeln sind wenigstens zum Teil familiär bedingt. Pfarrer Schumann hat drei Brüder. Alle machten eine Ausbildung zum Elektriker. Er selbst lernte in Schwarze Pumpe. Sein Faible für die Innereien eines Computers kommt also nicht von ungefähr. „Innen“ ist auch das Stichwort für das, was Steffen Schumann schon seit vielen Jahren beschäftigt. Nachdem er die äußeren Hüllen seiner Gemeinden, die Kirchengebäude, auf Vordermann gebracht hat, widmet er sich seit geraumer Zeit verstärkt dem Gemeindeaufbau. Dass das nicht einfach ist, hat er bereits erfahren. Die Jungen gehen weg, die Gemeinden überaltern. Dass er sich dieser Aufgabe dennoch stellt, passt zu einem vom Typ Schumanns, der über Gott, außer in der Predigt und im Unterricht, nicht viele Worte verliert und ihn stattdessen als Gewissheit nimmt.
Biografie
1963 Steffen Schumann wird in Bautzen geboren. Die Eltern haben vier Kinder, alles Jungen. Später werden alle vier eine Ausbildung zum Elektriker machen.
1980 – 83 Elektrikerlehre in Schwarze Pumpe. Anschließend arbeitet er ein Jahr in dem Beruf
1983 – 84 Theologisches Vorpraktikum
1985 – 87 Bausoldat in Prora
1987 – 93 Katechetisches Oberseminar an der Kirchenhochschule Naumburg
1988 Heirat
1993 – 95 Vikar in Nieder Seifersdorf
Seit 1995 Pfarrer in Bad Muskau
