Fundstück: Muskau O/L
Abschrift: Oberlausitzer Gemeinde-ABC, "Die Kirche" - Görlitzer Ausg., Nr. 25. Januar 1952.
Oberlausitzer Gemeinde-ABC.
Muskau O/L
Die Kirchengemeinde Muskau hat seit 1945 große Veränderungen erfahren. Vorher bestanden zwei selbständige Kirchengemeinden: 1. Muskau-Stadt mit der Stadtkirche oder deutschen Kirche als Mittelpunkt. Sie umfaßte alle evangelischen Einwohner der Stadt Muskau und der ehemaligen Gutsbezirke der Dörfer, ca. 4300 Seelen. 2. Muskau-Land mit der St. Andreas-Kirche, auch wendische oder Landkirche genannt. Dazu gehörten die Evangelischen der Dörfer Köbeln, Berg, Braunsdorf, Lugknitz, Krauschwitz (West) und Krauschwitz (Ost) (früher Keula), Weisskeissel mit Haide und Brand, Sagar und Skerbersdorf, bis 1893 auch Weisswasser; insgesamt ca. 8000 Seelen. Diese Landgemeinde war schon 1928 nach Erbauung der Kirche in Keula in zwei Pfarrbezirke geteilt worden.
Im Kriege wurden beide Kirchen bis auf die Umfassungsmauern zerstört. Durch die Neißegrenze hatte außerdem die Landgemeinde die großen Ortschaften Lugknitz und Braunsdorf verloren. Die Gemeinde war im Febrauar 1945 völlig evakuiert worden und kam erst nach und nach zurück, wobei die Lugknitzer und Braunsdorfer nicht wieder in ihre Orte zurückkehren konnten, sondern hier blieben.
Diese neue Lage machte auch eine Neuordnung der kirchlichen Verhältnisse notwendig. Diese erfolgte am 1. April 1948. Die Dörfer Krauschwitz-West und Ost, Weisskeissel mit Haide, Sagar und Skerbersdorf bilden eine eigene Kirchengemeinde Krauschwitz. der Rest Köbeln und Berg wurde mit der Kirchengemeinde Muskau-Stadt zur „Kirchengemeinde Muskau“ vereinigt mit zwei Seelsorgebezirken: Nordstadt mit Köbeln und Südstadt mit Berg. Die Seelenzahl beträgt heute ungefähr 5000 Seelen, davon ein Viertel bis ein Drittel Umsiedler.
Die Andreas-Kirche brach man ab, da ein Wiederaufbau an derselben Stelle nicht möglich war und die Gemeinde in jetzt kleinerer Gestalt nur eine Kirche benötigte. An Stelle der Stadtkirche, deren Aufbau noch nicht wieder möglich war, wurde die auf dem alten Friedhofe gelegene Jakobskapelle, die durch Kriegseinwirkung ebenfalls schwer gelitten hatte, zum Gottesdienste wiederhergerichtet und am 31. Oktober 1947 eingeweiht. Bis zu diesem Tage fanden die Gottesdienste im Gemeindehause Sorauerstraße statt, das auch der Ort für alle Gemeindearbeit wurde, u.a. auch für eine seit 1949 vom Hilfswerk eingerichtete Kinder- und Altenspeisung. Die Pfarrhäuser litten ebenfalls schwer. Das der Stadtgemeinde diente bis Dezember 1947 als Krankenhaus, besonders in der Typhuszeit 1945/46 und konnte erst Januar 1948 wieder in kirchlichen Gebrauch genommen werden. Die schweren Kriegsschäden sind zum großen Teil aber noch nicht ganz beseitigt. Das Pfarrhaus der Landgemeinde in der Andreasgasse hatte auch durch Treffer schwer gelitten und wurde auch erst nach und nach wiederhergestellt. Die der Kirche gehörigen Häuser auf der Kirchstraße für Kantor und Küster sind völlig abgebrannt und im Zuge der Ettrümmerung verschwunden.
Alle Gemeindeglieder sind einmal auf der Flucht gewesen, und alle haben schwere Einbuße an Hab und Gut erlitten. Die hiesigen Umsiedler stammen zumeist aus den Dörfern derselben Kirchgemeinde, von weiterher sind nur wenige. Bis zum Oktober 1945 wurden die zurückkehrenden Gemeindeglieder von durchreisenden Pfarrern recht und schlecht betreut. Gottesdienste fanden in der katholischen Kirche statt, die auch schwer getroffen, aber doch gebrauchsfähig war. im Oktober 1945 kehrte Superintendent Nay zurück. Die regelmäßigen Gottesdienste begannen wieder. Er mußte aber schon im November 1945 sein Amt krankheitshalber aufgeben und wurde vom 1. Dezember 1945 ab durch Parrer Karl Mühlichen vertreten, der auch später die Pfarrstelle übernahm. Die Pfarrstelle von Muskau-Land wurde vom 1. August 1947 bis Januar 1949 durch Pfarrer Jörg Gottschick vertreten und ist seit 1. September 1949 mit Pfarrer Joh. Petran besetzt. Auch die Struktur der hiesigen Gemeinde hat sich durch den Krieg und seine Folgen wesentlich geändert. Während früher Muskau-Stadt zu den reichen und wohlhabenden Gemeinden gehörte, deren Patron, die Standesherrschaft Muskau, einen großen Teil der Lasten trug, und der weltberühmte Muskauer Park die Fremden von weiher anzog, auch die Industriewerke einen guten Gewinn für die Gemeinde abwarfen, ist heute von dieser einstigen Wohlhabenheit nichts mehr zu spüren. Das kommt auch im kirchlichen Leben zum Ausdruck. Es mag jetzt vieles sehr viel ärmlicher sein als in anderen Gemeinden. Die Not in den Jahren nach dem letzten Kriege war sehr groß. Die Kirchengemeinde hat aber dank der Unterstützung durch das Hilfswerk vielen Kindern und Alten, Flüchtlingen und Armen helfen können. Im August 1946 wurde die kirchliche Schwesternstation eingerichtet und im Februar 1948 erweitert. Die Unkirchlichkeit der Gemeinde wurde zwar durch den Krieg nicht aufgehoben, aber die Notzeit hat doch ihren Segen gehabt. Wir durften erkennen, daß es nicht auf Glanz und Pracht ankommt, sondern auf ein treues gläubiges Herz, das den größten Schatz Gottes, unsern Herrn Jesus Christus, in sich trägt, den uns keine Macht der Welt rauben kann.
Wie kam es nun zu dem merkwürdigen Zustand, daß zwei Gemeinden – Muskau-Stadt und Muskau-Land – hier bestanden?
Die Geschichte sagt uns, daß schon 1346 in einer Kirchenmatrikel des Bischofs von Meißen eine Kirche im Dorfe Berg erwähnt wird. Diese stand unter dem erzpriesterlichen Stuhl in Reichenbach O/L und hatte zwei Geistliche. Es wurde dann später in der Stadt eine Kirche errichtet, die den Namen des Apostels Andreas trug. Diese war bis 1622, auch nach Einführung der Reformation um 1540, die Pfarrkirche der Stadt- und Landgemeinde. Diese Kirche, die in der Nähe des Marktes innerhalb der Häuser gestanden haben muß, kann aber nicht sehr groß gewesen sein. Denn schon vor 1600 wird die Absicht des Standesherrn laut, für die Stadt eine neue größere Kirche zu bauen. Nach dem Brande vom 30. Mai 1603, der auch die Häuser der Neustadt in Asche legte, wird nun der Platz für die neue Kirche frei. Am 27. April 1605 wird der Grundstein der Stadtkirche gelegt, am Donnerstag nach Pfingsten, dem 19. Main 1622, wurde sie eingeweiht. Sie diente als Stadt- und Pfarrkirche, während die St. Andreaskirche nur den überwiegend wendischen Landgemeinden vorbehalten blieb. Die alte Stadtkirche zeigte damals in ihrem Mauerwerk ungefähr dieselbe Gestalt, die sie bis 1945 gehabt hat. Sie besaß aber einen hohen Turm mit einer doppelt durchbrochenen Haube. Im Inneren muß sie aber ganz anders ausgesehen haben als unsere Generation ihre 1945 zerstörte Kirche in Erinnerung hat. Kantor Crusius, der in der „Kirchenzierde“ im Jahre 1672 in Reimen die Kirche beschreibt, gibt über ihre damalige Gestalt genaue Auskunft. Er erwähnt vielen künstlerischen Schmuck, u.a. einen Holzschnitzaltar. Auch die Figuren der 12 Apostel an dem Gewölbe des Choraums stammten aus dieser zeit. Am Mittwoch nach Ostern, am 2. April 1766, wurde der größte Teil der Stadt Muskau ein Raub der Flammen. beide Kirchen fielen dem Brande zum Opfer. Die Chronik sagt darüber folgendes: „Nicht unerwähnt soll bleiben, daß man einige Tage später auf dem „Kirchendamm“ ein angebranntes und zufällig (?) dorthin gewehtes Blatt aus der Bibel des damaligen Superintendenten Achilles fand mit den Worten Jeremias 7, 20: „Darum spricht der Herr: Siehe, mein Zorn und Grimm ist ausgeschüttet über diesen Ort, beides über Menschen und Vieh, über die Bäume auf dem Felde und die Früchte des Landes, und der soll anbrennen, daß niemand löschen möge.“ Dieses Blatt erschien den geängsteten Gemütern damals als eine Erklärung des grausigen Unglücks, das bald als „Zornfeuer“ bezeichnet wurde. Der Wiederaufbau der Stadtkirche war erst 1782 vollendet, aber schon 1781 ist der erste Gottesdienst in ihr gehalten worden. Sie bekam damals die Gestalt, die sie im Wesentlichen bis 1945 behalten hat.
Der Aufbau der Landkirche dauerte ewas länger. Der Grundstein zu der Kirche, an anderer Stelle völlig neu errichtet, wurde erst am 4. April 1781 gelegt. Der erste Gottesdienst konnte schon am Heiligen Christtag 1785 gehalten werden, die feierliche Einweihung erfolgte am 27. November 1788. Die neue Kirche hatte die Form eines Bethauses mit Kanzelaltar und dreiseitiger Empore erhalten, ihre Fassade war von vier dorischen Säulen geziert; ursprünglich trug sie nur eine Kuppel über dem Haupteingang, der Turm ist erst 1872 angefügt worden.
Die heutige Jakobskapelle auf dem alten Friedhofe ist 1564 als Holzbau erbaut und 1590 mit Feldsteinen untermauert. Sie war ein Ersatz der bisher auf dem damaligen alten Friedhof an der Neiße gestandenen Jakobskapelle. Sie hat bis zur Schließung des alten Friedhofs 1888 als Begräbniskapelle gedient. 1855 wurde sie vollständig erneuert und bekam damals ihre heutige Form mit dem spitzen Turm. In ihr hat die Stadtgemeinde von 1766 bis 1782 ihre Gottesdienste gehalten, während in der gleichen Zeit die Landgemeinde die Kirche auf dem Friedhofe auf dem Berge benutze, die sonst auch nur als Begräbniskapelle diente. Diese ist dann später verfallen und jetzt Ruine.
Beide Gemeinden bildeten ursprünglich eine Parochie. Die Chronik sagt über die Geistlichen: „Zur Zeit der Reformation, die um 1540 Eingang fand, amtierten an der Andreaskirche ein Pfarrer und ein Kaplan, die wendisch und deutsch predigten. Letzterer hatte auch die Gottesdienste in Sprey, Nochten und Berg zu halten. Nach Errichtung der Stadtkirche wurden die evangelischen deutschen Stadtpfarrer Pastoren, dann Inspektoren und endlich Superintendenten genannt. Die Geistlichen der Landkirche hießen Kapläne, Diakone und zuletzt Archidiakone der Stadt- und Pastoren der Landkirche. Als ein dritter Geistlicher angestellt wurde, wurde er bald Hofprediger, bald Diakonus oder Mittagprediger betitelt. Die Gründung dieser Stelle fällt in die Zeit der Errichtung des Konsistoriums hier. Manche Hofprediger waren auch Rektoren der Stadtschule“.
Dieses Konsistorium gründete die damalige Standesherrschaft zusammen mit dem Superintendenten M. Franzisci im Jahre 1680. Es war das einzige in der Oberlausitz und unterstand dem Oberamte in Bautzen. Dies geschah zu einer Zeit, in der die freie Ausübung des evangelischen Glaubens durchaus noch nicht gesichert war. Diese Einrichtung suchte allen Angriffen von außen her vorzubeugen. Seine Hauptaufgabe sah es in der Prüfung der Kandidaten für die Pfarrstellen der Diözese Muskau. Der Chronist schließt seinen Bericht: „Großen Wert hatten diese Prüfungen nicht, aber doch ihre Bedeutung: Die Herrschaft wahrte ihr Recht, die Kandidaten mußten sich vorbereiten, und die Geistlichen der Muskauer Diözese mußten sich mit theologischen Problemen beschäftigen. Sein größter Ruhm war, daß niemals einer seiner Kandidaten durchfiel!“ Das Konsistorium ist dann 1827, nachdem die Oberlausitz an Preußen gefallen war, aufgehoben worden.
Das eigenartige Verhältnis der Geistlichen zur Stadt- und Landgemeinde führte zu manchen Kompetenzstreitigkeiten. Diese hörten erst auf, als 1887 die Landgemeinde in allem eine selbständige Gemeinde wurde. Zur Landgemeinde gehörte seit alters her das Dorf Weisswasser. Dieses wuchs im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts so schnell, daß 1893 dort die Kirche eingeweiht und auch eine eigene Kirchengemeinde gegründet wurde. Die Diakonenstelle der Landkirche wurde Pfarrstelle von Weisswasser.
Es seien noch einige Namen von Pfarrern genannt: 1646 wurde der frühere sächsische Feldprediger M. Jakobus Stöckerus als Inspektor berufen. Er hat sich große Verdienste um die Kirchenordnung der Standesherrschaft erworben. Er starb 1678. In einer 1662 gehaltenen Leichenpredigt erwähnt er die „Weiße Taube“, des Schlosses Unheilverkünderin. - Von 1776 – 1826 Joh. George Vogel, ein sehr gelehrter Herr, der eine Arbeit über Waldbienenzucht geschrieben hat und ein Mitgründer der Oberlausitzschen Gesellschaft der Wissenschaften in Görlitz war. Von diesen beiden sind Oelbilder erhalten. - Von 1827 – 1866 Karl Friedrich Christian Pätzold. - Von 1866 – 1881 Karl Julius Rekt. - Von 1884 – 1897 Kleinert, unter dem der neue Friedhof angelegt worden ist. - Von 1917 – 1945 Gottfried Nay, unter dem das neue Gemeindehaus erworben wurde.
An der Landkirche ist zu erwähnen: Christian Gottlieb Langner 1776 – 1811; von ihm stammt ein aktenmäßiger Bericht über die Muskauer Kirchen. - In der neueren Zeit: 1893 – 1906 Jurk, der letzte Pfarrer, der wendisch predigte. - 1915 – 1936 Paul Jakobey und seit 1937 Helmut Gruhl, der im letzten Kriege vermißt ist.
Zweierlei wäre noch zu erwähnen: 1779 wurde vor dem Haupteingang der Stadtkirche ein Denkmal errichtet. Dieses „Hungerdenkmal“ sollte das Andenken an die Hungerjahre 1711 und 1771 wachhalten. Es steht jetzt an der Südseite der Kirche. Der Chrinist berichtet um 1900 ferner, daß auch bei uns die schöne Sitte des Passions- oder Bergsingens herrscht. Wir haben sie im Einzelnen in der Abhandlung „Osterbräuche in der Oberlausitz“ in Nr. 15 der „Kirche“ geschildert. Diese Sitte ist vor dem letzten Kriege eingegangen. Ob sie, wenn auch in anderer Form, wiederaufleben wird, wissen wir nicht. So vieles ist in den letzten Jahren zerborchen, war wir als für die Ewigkeit gebaut angesehen hatten. Aber mögen sich die äußeren Dinge wandeln, eins bleibt fest bestehen: Gott und Sein Wort.
Die Zeit, die die Gemeinde im Kriege und nachher hat durchmachen müssen, blieb nicht ohne Segen. Für viele hat sie eine Festigung im Glauben gebracht, vielen ist eine ganz neue tiefere Erkenntnis des Wortes Gottes geschenkt worden. Wohl kaum ist uns das Wort der Heiligen Schrift so unmittelbar nahe gekommen wie in den Gottesdiensten im Gemeindehause, wo wir wie eine Familie ganz dicht beisammen saßen. So ist auch die Arbeit in den kirchlichen Werken etwas anders geworden. Die kirchliche Jugend begann sich seit 1948 in der „Jungen Gemeinde“ zu sammeln. Zur selben Zeit erwachte auch die Frauenhilfe wieder zu neuem Leben. Ihr hat sich seit 1951 ein Mütterkreis angegliedert. Auch ein kleiner Männerkreis bildete sich im selben Jahre. Und wenn, seit wir die Jakobskapelle haben, an jedem Mittwochabend Wochenandacht gehalten wird und am Sonnabend in der Abendstunde ein kleiner treuer Kreis in der Kirche zusammenkommt, um Fürbitte zu tun für Kirche und Gemeinde, so sollen das Zeichen sein, daß das Wort Gottes gehört wird und wir darauf antworten mit unserem Gebet. Was die Zukunft der Gemeinde bringen wird, wissen wir nicht. Um eins aber bitten wir: daß Sein Wort auch fernerhin unter uns laufe und wachse, das möge Er Seiner Gemeinde in Gnaden schenken.
M.
