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Pfarrkonvent: „Erinnerung als Auftrag“

Siegfried Reiprich führte die Pfarrerinnen und Pfarrer des Kirchenkreises NOL Anfang November auf eine erhellende und informative Reise durch die sächsische Gedenkstättenlandschaft. „Erinnerung als Auftrag“ war das Thema ihres Konventes in Rothenburg. Reiprich – Bürgerrechtler, Geophysiker, Schriftsteller – ist seit 2009 Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten.

Pfarrkonvent: „Erinnerung als Auftrag“

Krankenhausseelsorgerin Carola Münch (Görlitz), Sup. Thomas Koppehl (Niesky), Siegfried Reiprich, Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten (Dresden)

Von Bettina Ernst-Bertram
Die Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft ist besonders in Sachsen eine hochpolitische Angelegenheit, zumal zur Stiftung Sächsische Gedenkstätten etliche berüchtigte Lager und Gefängnisse gehören, deren Vergangenheit von zwei Diktaturen gezeichnet ist: Man denke an Torgau, aber auch an „Bautzen I“, das bis 1945 bereits Gefängnis war und nach 45 sowjetisches Speziallager wurde, in dem Protagonisten der bürgerlichen Gesellschaft – ob Lehrer, Künstler, Pfarrer oder Grundbesitzer - inhaftiert waren, von denen Tausende an Hunger starben oder umgebracht wurden. Auch in „Bautzen II“, Erich Mielkes Spezialgefängnis, der Sonderhaftanstalt der Staatssicherheit (1956-1989), fanden sich Opfer beider Diktaturen wie Heinz Brandt, der bereits die KZ Auschwitz und Buchenwald überlebt hatte. Neben den „teuren“ Gefangenen, die beim Freikauf durch die Bundesrepublik Devisen für den Realsozialismus einbringen sollten, wurden besondere Regimefeinde wie Rudolf Bahro, „der idealistische Reformkommunist mit christlicher Charakterstruktur“, dort eingesperrt. Während Gefangene in den 50er Jahren und vorher oft brutale physische Gewalt erlitten, zogen nach 1976 die zersetzenden und zermürbenden Methoden der sogenannten „wissenschaftlichen Geständnisproduktion“ ein,  wie sie Vernehmer an der Stasi-Hochschule Potsdam-Golm studieren konnten. „Wichtig ist, dass man darüber Bescheid weiß und dass man genau weiß, wie Diktaturen funktionieren“, sagt Reiprich.
Eine interessante Debatte löste die Frage aus, wie dieses Wissen weitergegeben werden könne. Wie holt man die Erinnerung ins Heute? Wird man durch biografische Einstiege, Filme und Gespräche dem Irrsinn des 20. Jahrhunderts gerecht? Heute in Freiheit werden in Bautzen selbst Kinder im Grundschulalter durch die Ausstellung mit Tigerkäfig-Arrestzellen und Isolationstrakt geführt. Das Interesse an Zeitgeschichte ist spürbar gewachsen, so sagen es die Besucherzahlen. Pfarrer Andreas Fünfstück empfahl dazu auch den neuen Leander-Haußmann-Film „Hotel Lux“, der gerade in den Kinos angelaufen ist und einen jugendlichen Einstieg in die angstbeladene Zeit der Stalinistischen Ära bietet. „Und Lesen, Lesen, Lesen“, sagt der Literat Reiprich, der gebürtige Jenaer, der 1981 aus der DDR ausgewiesen wurde. Friedhild Thomas aus Rothenburg wies auf die kleine Gedenkstätte in nächster Nähe auf dem Martinshofgelände hin: Dort symbolisieren Ziegelpfeiler, über denen das Dach fehlt, verloren gegangenen Schutz und schlimme Ereignisse von 1941/42, als 100 Behinderte der „Euthanasie“ geopfert wurden und der Martinshof beschlagnahmt und zum jüdischen Ghetto umfunktioniert wurde. 700 Juden wurden von hier aus in Vernichtungslager deportiert.
Superintendent Dr. Thomas Koppehl unterstrich abschließend, dass die Ev. Kirche und die Stiftung Sächsische Gedenkstätten in der Erinnerung an Diktaturerfahrungen einen wichtigen gemeinsamen Auftrag haben.

Foto: Bettina Ernst-Bertram

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