Jugendarbeit: „Gottes Mathematik ist anders“
Ulrich Warnatsch erhielt im Schloss Bellevue das Bundesverdienstkreuz
Von Bettina Ernst-Bertram
„Ich muss nicht in den Vordergrund. Aber wenn ich nun schon das Bundesverdienstkreuz bekomme, dann lenke ich die mediale Aufmerksamkeit gern auf die Projekte, die mir am Herzen liegen“, sagte der Görlitzer Jugendwart Ulrich Warnatsch nach der Preisverleihung. Im Oktober war er ins Schloss Bellevue gereist und hatte die Verdienstmedaille der Bundesrepublik Deutschland entgegen genommen. Der Görlitzer Regionaljugendwart ist nicht nur hauptberuflich (halbtags), sondern seit Jahrzehnten auch weit darüber hinaus ehrenamtlich im Bereich der Kinder- und Jugend-Sozialarbeit tätig, heißt es in der Begründung. Der Vater von vier Kindern und einem Pflegekind, der durch Jungschar und Jungmännerwerk bereits zu DDR-Zeiten geprägt wurde, hat die Freiräume, die sich nach 1990 eröffneten, initiativreich und ideenvoll für die Jugend genutzt: Das Jugendhaus „Wartburg“ in Görlitz, die JG-Gruppen und die Schülerclubs des „esta e.V.“ (Evangelische Stadtjugendarbeit) und die evangelische Dietrich-Heise-Schule profitieren von seinem vielfältigen Einsatz.
Zweite Chance im Lebenshof
Ulrich Warnatsch, der eigentlich Architekt werden wollte und Baufacharbeiter mit Abitur lernte, studierte in den 70er Jahren fünf Jahre Theologie an die Predigerschule Paulinum und wurde als Jugendwart zurück nach Görlitz entsandt. Seit Jahren schlägt sein Herz für den „Lebenshof“ im Görlitzer Ortsteil Ludwigsdorf, dessen Mitinitiator und ehrenamtlicher Geschäftsführer er ist. Der Lebenshof ist eine Einrichtung, in der Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen seit über zehn Jahren auf christlicher Basis die zweite Chance bekommen. Arbeitslose Jugendliche und junge Menschen ohne Schul- oder Berufsabschluss sind die Zielgruppe. Sie sammeln im Lebenshof in verschiedenen Werkstätten oder im Gartenbereich Berufserfahrungen und werden dabei pädagogisch und therapeutisch unterstützt.
Brief aus Görlitz an den Bundespräsidenten
Natürlich nutzte der 57-jährige Uli Warnatsch diese Gelegenheit auch, um dem Bundespräsidenten einen Brief zu übergeben. Darin bemängelt er die Umstände, die das Engagement in der Jugendarbeit betreffen: Die Rahmenbedingungen, die für Projekte mit Jugendlichen immer katastrophaler werden. Weite Wege, lange Anträge, wenig Planungssicherheit, die kommunale Förderung sei fast weggebrochen. „Die Grundfinanzierung des Lebenshofes beispielsweise kommt vom Europäischen Sozialfond (ESF), der laufende Betrieb ist ohne die bereits eingerechneten 100 000 Euro Spenden pro Jahr gar nicht zu bewerkstelligen.“ Was die Jugendarbeit, die Jungen Gemeinden vor Ort betreffe, sei heute viel mehr als früher Offene Arbeit notwendig, weil die Jugendlichen in der vielfältigen Welt nicht mehr so einfach zu erreichen wären. „Die wenigsten gehen in eine Junge Gemeinde, um dort junge Christen zu treffen...“ Die offene Arbeit sei aber personalintensiver und mit ganz anderem persönlichen Einsatz und Aufwand verbunden. „Sie tun mehr, als Sie tun müssen“, sagte Bundespräsident Wulff in seiner Rede vor den Ehrenamtlichen, dankte und vergaß nicht zu erwähnen, dass dieser Einsatz über das Pflichtgemäße hinaus geradezu notwendig sei, um das Gemeinwesen am Laufen zu halten.
Wer gibt, dem wird gegeben
Auch die Gemeinden nimmt Warnatsch ins Gebet: Mögen sie doch bei all ihren finanziellen und baulichen Problemen nicht versäumen, „in Lebendiges“, in die Kinder- und Jugendarbeit zu investieren. Das Ziel seiner Arbeit mit Ehrenamtlichen und Freiwilligen sei es, die Jugend in den Gemeinden zu beheimaten, „nicht weil die Gemeinde Nachwuchs braucht, sondern weil wir den Menschen etwas weiterzugeben haben. Wir sind reich beschenkt, da ist es unsere soziale Aufgabe, etwas davon weiterzugeben. Je mehr wir knausern, desto mehr klemmen wir uns von der Quelle ab. Bei Gott ist die Mathematik anders als in der Schule“, sagt Warnatsch, „Wenn man gibt, fließen die Quellen.“
Foto: Bettina Ernst-Bertram
